Freundin des Chefs 10 Jahre älter geschätzt – Fristlose Kündigung?

Eine 19-jährige Auszubildende war bei einem Rechtsanwalt als Rechtsanwaltsfachangestellte in Edingen-Neckarhausen (Baden-Württemberg) tätig. Der Anwalt zeigte der Auszubildenden während der Arbeit ein Foto seiner neuen Freundin und bat sie, zu schätzen, wie alt diese sei. Die Auszubildende schätzte die Dame auf circa 40 Jahre. In Wirklichkeit war sie aber erst 30. Diese fehlerhafte Schätzung sollte noch Folgen haben.

Der Anwalt war darüber so gekränkt, dass er ohne vorheriger Abmahnung seiner Auszubildenden die fristlose Kündigung aussprach. „Sie hat mich regelrecht ausgelacht. Dadurch fühlte ich mich beleidigt“, sagte der Anwalt. Er habe der Auszubildenden  dann dreimal leicht auf die Schulter geschlagen, sich dafür aber später wieder entschuldigt. Daraufhin habe sie sich in den folgenden Tagen angeblich grundlos krank gemeldet. Das alleine sei schon ein Grund für eine Kündigung.

Begründet wurde das Kündigungsschreiben dann aber in erster Linie damit, dass die Auszubildende angeblich nicht immer alle aufgetragenen Arbeiten erledigt habe. „Sie konnte keine Zinsen ausrechnen und machte bei Vollstreckungsbescheiden Fehler“. Das wollte die Auszubildende nicht auf sich sitzen lassen und klagte gegen die fristlose Kündigung:

Der beim Arbeitsgericht Mannheim anhängige Rechtsstreit endete dann mit einem Vergleich: Inhaltlich wurde vereinbart, dass das Ausbildungsverhältnis rückwirkend beendet wird und der Rechtsanwalt noch die ausstehende Ausbildungsvergütung in Höhe von 333 Euro nachbezahlt. Die Auszubildende reagierte sehr erleichtert über die Einigung mit ihrem früheren Arbeitgeber und hat danach relativ schnell eine neue Stelle bei einer anderen Kanzlei gefunden.

Nachdem der ganze Fall auch in den sozialen Medien teilweise heftig diskutiert wurde, fühlt sich der Rechtsanwalt regelrecht gemobbt von den Facebook-Kommentaren. „Ich werde dort auf übelste Weise beschimpft und bloßgestellt“, sagte er. Dafür macht er seine frühere Auszubildende verantwortlich.

Fundstelle:
Arbeitsgericht Mannheim, 3 Ca 406/10

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  • Zeugt von schlechtem Charakter, wenn man die Schuld immer bei anderen sucht. Und das als Arbeitgeber. Und dann wundert er sich über einen Shitstorm? Reality Distortion Field lässt grüßen.

  • Lexi

    Es gibt Menschen, welche versuchen, eine gesellschaftliche Ordnung auf dem Laissez-Faire-Prinzip zu etablieren.
    In so einer Gesellschaft gäbe es nur eine Handvoll Gesetze, welche echt schlimme Verbrechen wie Diebstahl, Körperverletzung oder Mord betreffen. Keinen Diskriminierungsschutz, kein Arbeitsrecht, keine Steuern, keine sozialen Leistungen… Nur eigenverantwortlich handelnde Leute, die miteinander Verträge machen und handeln. Oder auch nicht.

    Prinzipiell keine schlechte Idee. Aber jedes Mal, wenn ich so etwas lese, dann wird deutlich, dass die Welt ein Kindergarten voll von unnötigen Sandkastenquereleien ist, in welchem die Menschen vor sich selbst geschützt werden müssen.
    Ziemlich deprimierend.

  • Einer Azubine ohne (!) vorherige Abmahnung fristlos (!) kündigen – im Arbeitsrecht ist der Kollege wohl eher nicht zu Hause? Den Shitstorm hat er verdient – so oder so.

  • Gast
    • Andreas Stephan

      Hallo Gast,

      aktuelle Beiträge veröffentlichen wir in der Kategorie „Nachrichten“. In der Kategorie „Kurioses“ sind auch mal ältere Sachen, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten möchten.

      Viele Grüße,
      Andreas Stephan
      Justillon.de

  • bitter bitter…

  • Ich bins

    „Nachdem der ganze Fall auch in den sozialen Medien teilweise heftig
    diskutiert wurde, fühlt sich der Rechtsanwalt regelrecht gemobbt von den
    Facebook-Kommentaren“

    Wer sich von sowas gemobbt fühlt hat noch nie echtes Mobbing erlebt. Abgesehen davon dass die Reaktion ja wohl sowas von unter aller Sau war. Mein Gott, da hat sie seine Freundin für 10 Jahre älter geschätzt, welch Sakrileg.