„Im Namen der Kunst“: Professor raubt Banken aus und filmt sich dabei

Ein Strafgericht in New York muss sich mit der Kunstfreiheit in einem besonderen Fall beschäftigen. Denn wenn es nach dem Staatsanwalt geht, ist Joseph Gibbons, der ehemalige Professor für bildende Künste der Eliteuniversität Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, des Bankraubes schuldig. Gibbons bestreitet die Vorwürfe und fühlt sich in seiner Künstlerehre gekränkt.

Der Angeklagte sieht in seinem Auftritt an Silvester in der Capital One Bank im New Yorker Stadtteil Chinatown kein Verbrechen, sondern Kunst. Um das Geld wäre es ihm nicht gegangen, sondern lediglich darum, für einen experimentellen Film ein paar lebensechte Szenen zu drehen. Das würde auch erklären, warum er eine Videokamera dabei gehabt und alles damit gefilmt hat.

Der zuständige Richter Abraham Clott und der Staatsanwalt scheinen derzeit aber noch wenig von dieser Art von Kunstverständnis überzeugt zu sein. Die Anklage bleibt aufrechterhalten und soll am 14. April vor Gericht verhandelt werden. Gibbons hat eine Kaution von 50.000 Dollar hinterlegt, hält sich daheim in Boston auf. Sein Anwalt musste zuvor allerdings glaubhaft versichern, dass sein Mandant mental gesund ist und von ihm keine Gefahr ausgeht.

„Die Nachricht seiner Verhaftung ist einerseits ein Schock für mich, anderseits aber auch keine wirkliche Überraschung“, sagte Joe Zane, ein langjähriger Freund und Künstler aus Boston, gegenüber dem „Boston Herald“. „Wer Joe kennt, weiß, dass er sich dabei nichts gedacht hat.“ Zane und Gibbons unterrichteten zusammen am MIT, einer der renommiertesten Eliteunis des Landes. Er vermutet, dass Gibbons gerade an einem neuen Projekt arbeite und dafür nur aktuelles Filmmaterial gebraucht habe.

Nach dem LinkedIn-Profil von Gibbons war dieser von 2001 bis 2010 am MIT. Während dieses Zeitraums sollen mehr als 30 experimentelle und auch erfolgreiche Filme entstanden sein. Die Kunstwerke wurden in verschiedenen New Yorker Museen wie dem Guggenheim oder dem Whitney gezeigt.

Ein Film trägt den Titel „Geständnisse eines Soziopathen“, wobei es sich um eine Mischung aus Fiktion und Autobiografie handelt. Gibbons soll sich darin unter anderem vor laufender Kamera Heroin spritzen. Seit vier Jahren ist Gibbons jetzt arbeitslos, führt ab und zu als freischaffender Filmeditor für das Unternehmen Fugitive Productions Aufträge aus, um seinen Unterhalt zu sichern.

Es liegt also nicht fern, dass seine finanziellen Probleme für das Gericht ein weiterer Beweis sein könnten, dass er die Bank wirklich ausrauben wollte. Außerdem hat er zugegeben, im November des vergangenen Jahres in Providence im amerikanischen Rhode Island in der Citizens Bank 3000 Dollar erbeutet zu haben. „Das war mein erster und einziger Coup“, so der mutmaßliche Bankräuber.

„Dem Angestellten hatte er damals einen Zettel gegeben und Geld verlangt“, sagt der Polizeisprecher in Providence, Michael Correia. Als er die 3000 Dollar in Empfang genommen hatte, habe Gibbons gesagt: „Vielen Dank, das ist für die Kirche.“ Auch hier soll er den ganzen Überfall mit seiner Videokamera aufgenommen haben.

„Niemand schien sich damals in Providence darum zu kümmern“, sagt Gibbons. „Deshalb hab ich es gleich noch einmal gemacht.“ An Silvester hatte er es auf die Capital One Bank im New Yorker Chinatown abgesehen. „Ich war so aufgeregt, dass ich mich erst nicht getraut habe“, äußerte er später gegenüber der Polizei. Dabei habe er die solange in seine Videokamera gesprochen, bis die Akkus leer waren. Filmmaterial, das ihn vor Gericht als Künstler entlasten könnte, soll es deshalb nicht vom Überfall geben.

Auch in New York bat Gibbons freundlich um eine „Spende für seine Kirche“ und schob auch einem Angestellten am Schalter einen Zettel zu. Darauf stand laut „Daily News“: „Das ist ein Banküberfall. Große Scheine. Keine Farbtaschen (welche die Scheine einfärben), kein GPS.“

Damit hatte Gibbons aber wenig Erfolg. Er erbeutete nur 1000 Dollar, war damit aber zufrieden und flüchtete. In Haft kam Gibbons erst, nachdem er Freunden und ehemaligen Studenten von seinen Coups und seinem Filmprojekt erzählt hatte. Einer machte sich offenbar Sorgen um den ehemaligen MIT-Professor, alarmierte die Behörden.

„Er hat mir gesagt, dass das kein Überfall war, sondern Kunst sei“, sagte Kaylan Sherrard, ein Zellengenosse aus der Untersuchungshaft, später gegenüber der Polizei aus. „Er hat das für einen Film gemacht. Das ist kein Verbrechen. Das ist Kunst“, so Sherrard, der offenbar schnell ein Fan wurde. „Joe ist ein Intellektueller.“

Letztlich muss darüber die Jury entscheiden. Bei einer Verurteilung drohen dem angeblichen Künstler bis zu sieben Jahren Haft.

Fundstelle:
Welt.de (Michael Remke) vom 17.01.2015

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