Anklage wegen Diebstahls zweier leerer Coladosen mit 50 Cent Pfandwert

Ob dieses Verfahren, für das es sicherlich andere Wege zur Klärung als eine Anklage gegeben hätte, die immer wieder vorgehaltene Überlastung der Gerichte glaubhafter erscheinen lässt, darf bezweifelt werden.

Was war passiert ? In der vierten Etage von ihrem Balkon aus beobachtete eine junge Frau, wie zwei Männer die Straße entlanggehen. Dabei zog einer der Männer einen Trolly hinter sich her. Genau vor ihrem Haus betritt der Mann ohne Trolly den Hausflur, der andere zieht weiter. Der Frau kommt das komisch vor, sie verständigt die Polizei. Den Beamten gibt sie an, aus ihrem im Hausflur abgestellten Kinderwagen würden zwei leere Coladosen fehlen, einen Strafantrag wollte sie aber nicht stellen. Gegenüber der WAZ sagt die Frau: „Das war mir zu läp­pisch. Ich wollte das nicht.“

Die Polizei greift die beiden Pfandsammler, 28 und 35 Jahre alt, auf. Sie bestreiten, die Coladosen entwendet zu haben. Trotzdem stellt die Polizei die Trolleys samt Inhalt sicher, es besteht der Verdacht, dass es sich um Diebesgut handelt. Im Protokoll heißt es dann: „19 leere Flaschen Bier, 10 leere PET-Flaschen, eine leere Coladose.“ Was mit der zweiten Coladose passiert ist, bleibt unklar.

Die Polizei ermittelt weiter und schreibt sodann in ihrem Abschlussvermerk nieder, dass die Frau zu keiner Zeit – weder im Vorfeld noch im Nachgang – mit der Polizei Kontakt aufnahm, so dass davon ausgegangen werden müsse, dass die Geschädigte kein Interesse an der Strafverfolgung habe. Ein Strafantrag sei nicht gestellt worden.

Die Akte landet bei einer Oberamtsanwältin, welche Anklage wegen gemeinschaftlichen Diebstahls geringwertiger Sachen erhebt. Das Amtsgericht Hagen eröffnet das Hauptverfahren. Doch damit fangen die Probleme erst an: Derjenige Angeklagte, welcher den Flur betreten hatte, erschien erst gar nicht zu dem Termin. Jetzt soll er festgenommen und von der Polizei zum Verhandlungstermin vorgeführt werden. Auch die Frau als Geschädigte und Zeugin blieb der Verhandlung unentschuldigt aus. Gegen sie wurde deshalb ein Ordnungsgeld in Höhe von 100 Euro, ersatzweise zwei Tage Haft, verhängt.

Einen Freispruch gab es aber, nämlich für den anderen Angeklagten. Dieser erschien mit seinem Verteidiger und wurde vom Vorwurf des Diebstahls freigesprochen, die Kosten trägt die Staatskasse. Der Trolley mit den Pfandflaschen muss ihm wieder ausgehändigt werden. Der Anwalt hierzu: „Wenn die Staatsanwaltschaft solche Kinkerlitzchen zur Anklage bringt, dann braucht man sich wirklich nicht zu wundern, dass die Justiz überlastet ist.“

Zum Schluss sei noch erwähnt, dass im vergangenen Jahr die Zahl der angeklagten Straftaten beim hier zuständigen Amtsgericht Hagen um satte 3.000 Fälle angestiegen ist – das ist ein Drittel mehr als noch im Jahr zuvor.

Fundstelle:
Strafakte.de vom 30.04.2015
derwesten.de vom 30.04.2015

Schlagworte:
, , , , , ,
  • wolfi

    Bei uns in Ungarn gibt es leider für viele Flaschen (noch) kein Pfand – für eine Cola- oder Bier-Dose sind es 2 Forint (weniger als ein Cent , da liegt entsprechend viel Müll rum.

    Von meiner deutschen Heimatstadt kenne ich die Idee, dass man Pfanddosen/Flaschen neben den Mülleimer packt, damit die Sammler sie gleich finden und nicht suchen müssen. Diesen Leuten sollte man dankbar sein!

  • Leser

    Wie um Himmels willen will die Anklage beweisen, dass die aufgefundene Coladose eine der angeblich aus dem Kinderwagen gestohlenen Dosen ist? Da zudem eine „fehlt“, ist das nicht einmal plausibel, geschweige denn nachweisbar.

    • mindamino

      Warum hat man die Coladose nicht zum LKA geschickt und Fingerabdrücke genommen?

      Hätten Fingerabdrücke mit der Person übereingestimmt, die diese zu
      letzt in der Hand hatte, dort wo diese vermeindlich gestohlen worden
      ist, dann hätte man nachweisen können, dass diese eine Dose zumindest
      gestohlen worden ist.

      Was soll vertuscht werden? Wollte man den Täter vielleicht gar nicht überführen?