Im Gerichtssaal geschehen keine Wunder

„Was das Urteil des AG München angeht, muß ich in meiner Eigenschaft als Bayer mit Bedauern feststellen, daß es sich nicht einmal in den Grenzen des gewöhnlichen Geschmacks hält.“ Mit diesen vernichtenden Worten kommentierte Prof. Dr. Hans Putzo, damals Vorsitzender Richter am Bayerischen Obersten Landesgericht, eine Entscheidung des Münchener Gerichts (Urt. v. 11. 11.1986 – 28 C 3374/86).

In der von Putzo kritisierten Entscheidung ging es um die Frage, welchen Wert die Zeugenaussage des Fahrers eines am Unfall beteiligten Autos hat. Keinen – meinte das Amtsgericht und rekurrierte dabei auf seine bisherigen Erfahrungen:

„Das Gericht war in seiner bisherigen Praxis schon mit ca. 2000 Straßenverkehrsunfällen beschäftigt und hat es noch niemals erlebt, daß jemals einer der beteiligten Fahrer schuld gewesen wäre. Es war vielmehr immer so, daß jeweils natürlich der andere schuld gewesen ist. Bekanntlich sind Autofahrer ein Menschenschlag, dem Fehler grundsätzlich nie passieren, und wenn tatsächlich einmal ein Fehler passiert, dann war man es natürlich nicht selbst, sondern es war grundsätzlich der andere.

Das Gericht hat auch noch nie erlebt, daß jemals ein Fahrer, der als Zeuge oder Partei vernommen wurde, eigenes Fehlverhalten eingeräumt oder zugestanden hätte. Wenn dies einmal tatsächlich passieren sollte, dann müßte man schlicht und einfach von einem Wunder sprechen. Wunder kommen aber in der Regel nur in Lourdes vor, wenn beispielsweise ein Blinder wieder sehen kann oder ein Lahmer wieder gehen kann, oder aber in Fatima, wenn sich während der Papstmesse eine weiße Taube auf den Kopf des Papstes setzt, und sogar in den dortigen Gegenden sind Wunder ziemlich selten, in deutschen Gerichtssälen passieren sie so gut wie nie, am allerwenigsten in den Sitzungssälen des AG München.

Jedenfalls ist in Justiz- und Anwaltskreisen nichts davon bekannt, daß in der Pacellistr. 2 in München schon jemals ein Wunder geschehen wäre. Möglicherweise liegt das daran, daß der liebe Gott, wenn er sich zum Wirken eines Wunders entschließt, gleich Nägel mit Köpfen macht und sich nicht mit einem banalen Verkehrsunfall beschäftigt. Vielleicht liegt aber die Tatsache, daß trotz der Unfehlbarkeit aller Autofahrer gleichwohl so viele Verkehrsunfälle passieren, schlicht und einfach daran, daß unsere Gesetze so schlecht sind. Dies hinwiederum wäre allerdings kein Wunder. (…)“

Talent zur Satire

Nun lässt sich über Geschmack bekanntlich streiten. Allerdings hatte das Urteil nicht irgendein bayerischer Amtsrichter verfasst, sondern ein ganz besonderer: Herbert Rosendorfer. Und der hatte entgegen den Ausführungen in Putzos Kritik nicht nur „ein vermeintliches Talent zur Satire“.

Auf Wikipedia heißt es über den 2012 verstorbenen Juristen:

„Herbert Rosendorfer hat ein äußerst umfangreiches Opus geschaffen, das neben Romanen und Erzählungen auch Theaterstücke, Fernsehspiele, historische Werke, Abhandlungen zur Musik, Reiseführer, Libretti sowie Kompositionen und Gemälde (vorwiegend Zeichnungen und Aquarelle) umfasst. Seine Texte sind zum großen Teil der phantastischen Literatur zuzurechnen.

Er beherrschte auch die realistische und historische Erzählung, die bei ihm häufig satirische bis groteske Züge trägt. So erfand er zum Beispiel – gemeinsam mit dem Pianisten Karl Betz von der Universität Würzburg – den Komponisten Otto Jägermeister, der Eingang in verschiedene Musiklexika fand. (…). Seine juristische Ausbildung und seine Erfahrungen in juristischen Berufen zeigen sich in Werken wie Ballmanns Leiden oder Lehrbuch für Konkursrecht und Die Donnerstage des Oberstaatsanwalts, die den juristischen Alltag mit satirischen Seitenhieben beschreiben.“

Die Justiz ist wie sie ist

Auch unter Berücksichtigung von Rosendorfers Talent(en), bleibt indes die von Putzo zu Recht aufgeworfene Frage, ob es „in irgendeiner Form zum Ansehen der Justiz und damit der Richter beiträgt“, wenn solche Entscheidungen an die Öffentlichkeit gelangen.

Das wird sich schwerlich bejahen lassen. Allerdings war es auch sicher nicht die Intention von Rosendorfer, diesem Berufsstand zu einem besonderen Ansehen zu verhelfen. Dafür gelang es ihm immer wieder, den Justizalltag ebenso so unterhaltsam wie zutreffend zu beschreiben.

Als er „Ballmanns Leiden“ veröffentlichte, haben ihn nach Angaben der Süddeutschen Zeitung viele Juristen angerufen, weil sie sich porträtiert glaubten. Rosendorfer habe sich darauf eine Standardantwort zurechtgelegt: „Herr Kollege, Sie sind der Vierzehnte, der sich in dieser Figur erkennt‘.“

Vielleicht erklärt das auch die Kritik an dem aufgeführten Urteil. Viele Juristen erkennen darin ihren Alltag vor Gericht. Und den sieht man eben nicht gerne veröffentlicht.

Quellen:
Putzo, Anmerkung zu AG München Urteil vom 11.11.1986 – 28 C 3374/86, NJW 1987, 1426;
Erfolgsautor Herbert Rosendorfer gestorben, Sueddeutsche.de vom 20.09.2012;
Wikipedia-Artikel – Herbert Rosendorfer;

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  • DashCam-Nutzer

    Und die gleiche Richterschaft lehnt dann die DashCam als Beweismittel ab. Unglaublich, diese Bigotterie!