Model klagt wegen Kuss-Mund auf Kondomhüllen

Zuerst waren es nur Gerüchte, die dann schließlich direkt an die junge Frau, die als Model arbeitet, herangetragen wurden: „Das ist doch dein Kussmund auf der Kondom-Tüte.“ Eine markante, fast unverwechselbare Zahnlücke zwischen den vollen roten Lippen brachte den Bekanntenkreis zu dieser Erkenntnis. Dem Richter der 9. Zivilkammer des Landgerichts München I wurde im Prozess „Anschauungsmaterial“ auf die Richterbank gekippt.

Zwar handelt es sich nach Angaben des Start-up-Unternehmens um fair und nachhaltig produzierte Kondome, dennoch wollte das junge Model ihren Mund nicht auf der Verpackung sehen, schon gar nicht ungefragt.

„So ein Kuriosum hatten wir auch noch nie“, äußerte der Richter. Diesen Satz nutzte der Geschäftsführer der beklagten Kondom-Firma um sogleich eine ganze Tasche mit den Gummi-Tütchen „als Anschauungsmaterial“ auf die Richterbank zu kippen.

Drei Anwälte einer weltweit tätigen Anwaltssozietät mit Milliardenumsatz hatte die Klägerin im Schlepptau, wohl um gleich zu zeigen, dass hier ist keine kleine Sache – sondern ein erheblicher Verstoß gegen meine Persönlichkeitsrechte. Der Beklagte äußerte den viel gefürchteten Satz in Verhandlungen „Es geht mir ums Prinzip“, die Sache schien sich also nicht schnell erledigen zu lassen. Immerhin durften die Juristen robenlos verhandeln – bei gefühlten 37 Grad im Saal.

Im Laufe der Verhandlung wurde klar, dass die Frau als Fotografin und Model in der Club-Szene arbeitet. Demnächst soll sie Schwiegertochter eines der Miteigentümer dieser Wirtschaftskanzlei werden. Ein Kondom-Kuss-Foto kann daher unter keinen Umständen hingenommen werden.

Dabei hatte das Model den Geschäftsführer des Start-ups zuerst noch telefonisch kontaktiert und gefordert, dass die streitgegenständlichen Verpackungen vom Markt genommen werden müssten. Ohne sich einer Schuld bewusst zu sein, wollte er diese Forderung umsetzen. Nach dem aber dann ein wohl weniger erfreuliches Schreiben der großen Anwaltskanzlei ins Haus flatterte, war es vorbei mit der Freiwilligkeit. Man stellte sich auf den Standpunkt, dass die Firma die Rechte für das Bild besitzt. Lizenziert von einem Fotografen. Tatsächlich existiert ein handschriftlicher Vertrag mit der Klägerin und dem Fotografen, der anlässlich eines Shootings geschlossen wurde. Das hier in Rede stehende Kussmund-Foto war aber schon Monate zuvor gemacht worden, als sich die beiden zufällig begegnet waren.

Der Richter hätte nun zu klären, ob das Mundfoto tatsächlich vertraglich erfasst wäre sowie, ob man den Kussmund im weiteren oder engeren Umfeld der Frau tatsächlich als den ihren identifizieren konnte.

Für das Start-Up-Unternehmen birgt der Prozess bei Niederlage auch ein finanzielles Risiko. Die Gegenseite hielt sich nicht zurück, ihre Stundensätze von 400 Euro deutlich ins Feld zu führen. Der Richter unterbrach die Machtspielchen und erklärte:  „Hier machen beide Seiten nicht das Geschäft ihres Lebens.“ Er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass beide Parteien ein beachtliches Prozessrisiko haben.

Zum Schluss wurde man sich auf nachdrücklichen Vorschlag des Gerichts dann doch einig, die markante Zahnlücke „blickdicht“ zu überkleben. Die Kosten trägt jeder selbst.

Fundstelle:
sueddeutsche.de vom 08.07.2015

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