Studenten oder Studierende? Jura-Professoren vs. Hochschul-Funktionäre

„Gender, Gender, Geldverschwender“ – unter diesem Titel berichtete „Spiegel-Online“ über die immensen Kosten, die die Umbenennung der Studentenwerke in Studierendenwerke verursacht. Entgegen der Überschrift geht es aber um weit mehr als um den schnöden Mammon. Ob man von Studenten oder Studierenden spricht, ist zu einer „gesellschaftspolitischen Glaubensfrage“ geworden, über die auch an den Hochschulen heftig gestritten wird. Beim „Zentrum für Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht“ („ZAAR“) hat man sich dazu klar positioniert: Studierende ist Blödsinn.

Auf der Homepage des von den Professoren Richard Giesen, Abbo Junker und Volker Rieble geleiteten Instituts wird zunächst darauf hingewiesen, dass der Begriff „Student“ vom lateinischen „studere“ (streben nach, sich bemühen um, auf etwas aus sein) abgeleitet wird. Weiter heißt es:

„An Universitäten strebt man nach Erkenntnis, und zwar auf wissenschaftliche Weise. Wer dies tut, heißt Student. Grammatikalisch hat sich dieses Substantiv aus dem lateinischen Partizip Präsens studens, im Plural studentes entwickelt.“

Schon vor diesem Hintergrund, erscheint die Begriffsschöpfung „Studierende“ fragwürdig. Trotzdem wird das Kunstwort mittlerweile von vielen Hochschul-Funktionären verwandt – eine Tatsache, die das ZAAR mit (sehr) deutlichen Worten kritisiert:

„Nahezu jeder Hochschul-Funktionär benutzt indes das politisch korrekte „Studierende” – ohne auch nur kurz nachzudenken, welcher Blödsinn damit verbunden ist. Funktionären geht es nicht mehr um die Tätigkeit des Strebens (nach Erkenntnis und Bildung). Ihnen geht es (nur) um den Status. Nur drückt das Wort „Studierender” gerade keinen Status aus (das ist das Eingeschriebensein, der Immatrikuliertenstatus) – sondern die Tätigkeit im Partizip Präsens. Weil genus und sexus nicht auseinandergehalten werden können (weswegen der Student nicht für beide Geschlechter reichen soll) und die Doppelung „Student und Studentin” zu mühsam erscheint, wird also das Partizip zur Statusbezeichnung. Und es wird Sprache verhunzt – weil nicht mehr dasjenige gesagt werden darf, was der Sprecher ausdrücken will.“

Über diese Erwägungen hinaus verweist das ZAAR auch auf die in „gemessenem Tonfall“ gehaltenen Ausführungen von Max Goldt in seinem Buch „Wenn man einen weißen Anzug anhat“ (2002) hin. Dort heißt es unter der Rubrik „Was man nicht sagt“ (S. 55):

„Wie lächerlich der Begriff «Studierende» ist, wird deutlich, wenn man ihn mit einem Partizip Präsens verbindet. Man kann nicht sagen: «In der Kneipe sitzen biertrinkende Studierende.» Oder nach einem Massaker an einer Universität: «Die Bevölkerung beweint die sterbenden Studierenden.» Niemand kann gleichzeitig sterben und studieren.”

Das ist irgendwie richtig – aber irgendwie auch nicht.

Es spricht nichts dagegen sich mit einem Lehrbuch bewaffnet abends in eine gemütliche Kneipe zu setzen und bei einem Glas Pils (besser nicht mehr) noch einmal den tagsüber erarbeiteten Stoff zu wiederholen. Und wer in einer Universitäts-Stadt lebt, kennt den Anblick derartig Lernender – nicht nur am Abend. Biertrinkende Studierende gibt es also sehr wohl. Und dann kann man das entgegen der Einschätzung von Max Weber auch sagen (als Student vielleicht nicht unbedingt seinen Eltern).

Schwieriger wird es allerdings bei den „sterbenden Studierenden“. Dass jemand auch noch im Todeskampf lernt, erscheint zumindest ungewöhnlich. Gerade bei Jura-Studenten, deren Lebensinhalt sich allzu oft ohnehin nur aufs Pauken beschränkt, ist aber wohl auch das nicht ausgeschlossen. Unmöglich ist es jedenfalls nicht.

Was es aber tatsächlich nicht geben kann sind „tote Studierende“. Dass lebenslanges Lernen in einer sich schnell wandelnden Gesellschaft zur Notwendigkeit geworden ist, lässt sich kaum bestreiten. Irgendwann ist aber auch mal Schluss.

Quellen:
Spiegel-Online vom 22. August. 2014, zuletzt abgerufen am 13. August 2015;
Homepage des „Zentrum für Arbeitsrecht und Arbeitsbeziehungen“, zuletzt abgerufen am 13. August 2015

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  • Gastmann

    Finden Sie es auch falsch, vom verstorbenen Vorsitzenden (einer Partei, eines Vereins, eines Aufsichtsrats …) zu schreiben? Das ist sprachlich genau dieselbe Partizipbildung und zeigt, dass alles nur eine Frage der Gewöhnung ist.

    • disel

      „Sprachlich genau dieselbe Partizipbildung“..??
      Ähhh….. nein.

      • Jonathan Schindler

        Äh, doch … technisch gesehen handelt es sich um die Substantivierung des Partizips, und die ist fast so alt wie die Sprache selbst. Ach ja, wollen Sie mal einen Linguisten so richtig auf die Palme bringen? Dann sagen sie ihm, eine sprachliche Entwicklung sei „falsch“, ziehen Sie ihren Helm an und schauen Sie, dass sie wegkommen.

  • Sternzeichen Bananenmarmelade

    … Ich kann fast mit Sicherheit sagen: Den allermeisten Studenten/innen, Studierenden oder meinetwegen auch Brocklagreds (wieso nicht einen neuen Begriff einführen? Nix Genus, Sexus, Klumpfuß oder sonst was) geht diese Frage dermaßen am Allerwertesten vorbei! Und bei denen es nicht der Fall ist… denen ist eh nicht mehr zu helfen.
    Was soll derartige Erbsenzählerei?! Fällt das auch wieder unter die Kategorie: Wenn man nicht genug Probleme hat, macht man sich noch welche?!

    • Brigitte

      Sie müssen das im größeren Zusammenhang namens Gender verstehen.

      An vielen Unis fehlt an allen wichtigen Stellen das Geld, aber wir haben genügend, um fast 200 Professuren für Gendergelaber auszugeben, aus welchem nicht eine wissenschaftliche Erkenntnis hervorgeht und welche wissenschaftliches Arbeiten generell ablehnen, weil frauenfeindlich.

      Diese Genderleute fordern dann aber auch noch von echten Wissenschaftlern, sie mögen bitte die idiotische Sprache der Genders nachpredigen, andernfalls sein sie irgendwas zwischen patriarchalen Machos und Nazi. Angesichts einer immer angespannteren Situation an den Unis, treibt dieses Verhalten immer mehr Mitarbeiter an den Unis auf die Palme.

      • Elisa Silbe

        Spannend wie Sie offenbar ein Experte aller echten Naturwissenschaften geworden sind ohne auf eine einzige Zeile der Kritik an der historisch noch einmal weitaus verbreiteteren Misogynie gestoßen zu sein.

    • Elisa Silbe

      Keine Ahnung mit welchen Studis (nicht umsonst ein selbst gewählter Begriff) Sie so reden, aber in meinem Studierenden Umfeld (Informatik und Pädagogik) ist es umgekehrt. Die meisten verstehen zumindest das Problem und alle, die sich einigermaßen ernsthaft mit Sprache beschäftigt haben, sollten zumindest zur Kenntnis genommen haben, welche Auswirkungen Grammatik auf Semantik haben kann. Die vollständig unbegründete Verachtung und Überheblichkeit die hierzu immer wieder ins Feld geführt wird, sagt eigentlich schon alles. Viel Emotion, null Inhalt bei den Kritikern.

  • Dr. Marc Mewes
  • Lisa

    „Irgendwann ist aber auch mal Schluss.“ :D

  • mendel

    Wenn „Student“ als lateinisches Partizip Präsens ok ist, sollte das deutsche Partizip Präsenz es auch sein.

    • Nimulos Maltibos

      Student ist aber von einem lateinischen Verb hergeleitet, im Deutschen müsste es dann also „Lernende“ oder „Strebende“ oder so ähnlich heißen, da studens ja eine lateinische Form eines lateinischen wortes hat und der Anspruch auf ein deutsches Partizip Präsens sich so auf ein deutsches Wort beziehen müsste. „Bemühende“ oder „Strebende“ wiederum klingt komisch, „Lernende“ bezeichnet nicht eindeutig die Alters- und Bildungsklasse der damit betitelten, und als der Terminus für bildungsbezweckend Universitätsbesuchende gewählt wurde galt Latein zur höheren Allgemeinbildung und somit war eine Bezeichnung lateinischen Urpsrungs eine Prestige-Sache. Folglich ist „Studentes“ für die, die eine höhere Bildung anstreben als der gemeine Schüler, durchaus passend.
      Die Kontroverse entsteht erst dadurch, dass des Lateinischen weniger gebildete den Unterschied zwischen dem grammatischen Genus und dem biologischen Sexus nicht erkennen und in einer grammatisch maskulinen Titulierung eine Benachteiligung der biologisch weiblichen so bezeichneten sehen und dann, statt sich über diesen Unterschied zu bilden, von den in genanntem Feld besser gebildeten fordern, sich ihrer Bildungslücke anzugleichen und „politisch korrekt“ eine Bezeichnung zu verwenden, die kein Genus erkennen lässt, damit auch ja kein Sexus das Gefühl bekommt, nicht genannt zu werden.

      Dieser Logik folgend müssten wir uns jetzt alle über die Geschlechtsbestimmung von Pflanzen und Tieren schlau machen, um nicht versehentlich eine weibliche Ahörnin als einen Ahorn zu bezeichnen, und für Katzen brauchen wir auch einen Pluralbegriff der nicht von „die Katze“ hergeleitet ist.

  • Elisa Silbe

    Also ein bisschen mehr Positionen als ein androzentrisches Magazin wie den Spiegel und einen Verein wütender alter Männer an der Uni hätte dem Artikel schon gut getan. Ich bin ja froh das wenigstens die Kommentarspalte eine kritische Stimme gefunden hat…