Über die „Lusthansa“ und Kraniche in „Paarungshaltung“

Ein Beitrag aus der Reihe Rechtsgeschichte(n) von Prof. Dr. Arnd Diringer

Anfang der achtziger Jahre verbreitete ein Scherzartikel-Produzent Aufkleber mit zwei sehr eng übereinander fliegenden Kranichen und dem Aufdruck „Lusthansa“ – und das auch noch in den Farben der Deutschen Lufthansa AG. Das Unternehmen konnte darüber nicht lachen und führte mehrere Prozesse gegen den Hersteller. Dabei musste es erfahren, dass vor allem seine eigenen Mitarbeiter solche Aufkleber erworben hatten. Und nicht nur das.

Das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt (Urteil vom 17.12.1981 – 6 U 49/81) wies die Lufthansa in seiner Entscheidung zunächst darauf hin, dass auch die Namen anderer Unternehmen der Luftfahrtbranche ähnlichem Spott ausgesetzt waren und die Bezeichnung als „Lusthansa“ nicht neu war:

„Unstreitig kursieren insbesondere in den Kreisen der Luftfahrtgesellschaften und von deren Fluggästen über die meisten Gesellschaften ähnliche Namensabwandlungen“, so das Gericht. „ Als Beispiele hat die Beklagte unter anderem unwidersprochen zitiert: “Alimaffia” für Alitalia, “Sex After Service“ für SAS, “Please Inform Allah” für PIA, “Better On A Camel” für BOAC, “Lauter Alte Tunten” für LTU. Auch die Bezeichnung „Lusthansa“ für „Lufthansa” existiert in dieser Form schon seit Jahren.“

Ebenso unstreitig war, dass die Aufkleber „auch und gerade von Angestellten“ der Lufthansa AG „gekauft (sic!) werden“. Als Beispiel verwiesen die Frankfurter Richter auf einen „Public-Relations-Manager“ des Unternehmens, der 200 Aufkleber bestellt hatte.

Sexueller Bezug nicht geschäftsschädigend

Eine Verletzung des Namensrechts und einen unmittelbaren Eingriff in den eingerichteten und ausgeübten Gewerbebetrieb, wie ihn die Lufthansa behauptet hatte, konnte das Gericht dagegen nicht erkennen. Es stellte fest, dass „die geschäftlichen Belange“ des Unternehmens „nicht in einer das Persönlichkeitsrecht verletzenden Weise“ berührt waren.

Allerdings sei nicht zu verkennen gewesen, dass der Aufkleber einen sexuellen Bezug hatte – auch wenn der Scherzartikel-Hersteller vor Gericht das Gegenteil behauptete:

„Die Bezeichnung „Lusthansa“ verweist zwar nicht, wie die Beklagte glauben machen will, ohne jede Zweideutigkeit auf die reine Lust am Fliegen, sondern zielt im Einklang mit den über andere Luftfahrtgesellschaften kursierenden entsprechenden scherzhaft gemeinten Bezeichnungen auf die sexuelle Lust. Diese Absicht bringt die Beklagte, um alle diesbezüglichen Zweifel auszuräumen, auch durch die konkrete Darstellung der beiden stilisierten Kraniche zum Ausdruck.“

Lustgärten keine Kopulationsstätten“

Das sah das Landgericht (LG) Wiesbaden (Urteil vom 6.8.1981 – 2 O 150/81) anders. Es hatte darüber zu entscheiden, ob der Geschäftsführer des Scherzartikel-Herstellers weiterhin den „Lusthansa“-Aufkleber auf seinem Firmenwagen anbringen durfte.

Konnte er, meinte das Gericht. Der „gute Ruf“ der Lufthansa AG sei durch den Aufkleber nicht gefährdet worden.

„Hierzu müßte der unbefangene Durchschnittsbetrachter – auf wen sonst soll abgestellt werden – durch den Aufkleber sich veranlaßt sehen, die Beklagte mit sexuellen Beziehungen in Verbindung zu bringen, bzw. ihr Unternehmen mit einem “Bordell-Betrieb” gleichzusetzen. Dies kann nicht angenommen werden.“

„Die Verwendung des Wortes “Lust” in dem fraglichen Aufkleber allein bewirkt dies nicht. “Lust” ist für den verständigen Betrachter gerade nicht nur eine sexuelle Empfindung. Schließlich bezeichnen auch “Lustgärten” keine Kopulationsstätten, und “lustwandeln” keine sexuellen Annäherungsversuche. Vielmehr stammt z. B. das Wort “lustwandeln” aus der Feder des Philipp von Zesen, der in Deutschtümelei im Jahr 1645 “spazierengehen” in “lustwandeln” übersetzte, so hat sich das Wort “lustwandeln” bis heute erhalten.“

Fliegender Beischlaf ist „technisch“ unmöglich

Das klingt überzeugend. Aber was war mit den „stilisierten Kraniche“ in „Paarungshaltung“, die das OLG Frankfurt als Beleg für den sexuellen Bezug des Aufklebers angeführt hatte?

Nichts, meinte das Wiesbadener Gericht. Denn auch daraus ergab sich kein solcher Bezug – zumindest nicht für den „unbefangen wertenden Bürger“:

„Die Assoziation zu einem “Lust” – im Sinne von “Bordell-Betrieb” könnte den verständigen Rechtsgenossen mithin allenfalls durch die gleichzeitige Abbildung zweier übereinander fliegender Kraniche kommen. Dies erscheint ausgeschlossen. Die dargestellte Verbindung des Wortes “Lust” und eines im Flug befindlichen Vogelpaares ist für den unbefangen wertenden Bürger kein Hinweis auf libidinöse Zusammenhänge. Z. B. läßt Goethe den Pylades zu Orest im 2. Aufzug (erster Auftritt) seiner Iphigenie sagen: “… Und Lust und Liebe sind die Fittiche zu großen Taten”.“

Und nicht nur das: „Die Kammer kann weiter als allgemein bekannt voraussetzen, daß Geschlechtsverkehr zwischen fliegenden Vögeln der abgebildeten Art weder je beobachtet noch “technisch” – schon wegen des Gewichts – möglich ist.“

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt

Damit bleibt eigentlich nur die Frage, warum so viele Menschen, einschließlich der Richter am OLG Frankfurt, trotzdem davon ausgingen, dass die Aufkleber eine sexuelle Komponente aufwiesen. Aber auch dafür hatten die Wiesbadener Richter eine Erklärung:

„Es mag Betrachter geben, die den genannten Zusammenhang dennoch herstellen. Im Zweifel wird diesen aber bewußt sein, daß sie das nicht der Darstellung auf dem Aufkleber, sondern ihrer eigenen (sexuellen) Phantasie zuzuschreiben haben (Denn: “Den Reinen ist alles rein”, Paulus-Brief an Titus, 1, 15).“

„Bewußt gewordene Assoziationen können aber nicht den Ruf desjenigen schädigen, auf den sie sich beziehen, sondern allenfalls auf den Phantasierenden selbst zurückfallen. Der Schutz dieser “Selbst-Blamierten” kann der Beklagten aus keinem rechtlichen Grunde obliegen.“

Vielleicht hat das Unternehmen wegen dieser Feststellung darauf verzichtet, eine „Neue Deutsche Welle“-Band, die sich nach dem Wirbel um die Aufkleber den Namen „Lusthansa“ gab, zu verklagen. Vielleicht hatten die Lufthansa-Juristen aber auch einfach keine Lust.

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  • Nimulos Maltibos

    Hilfe jemand parodiert mich, das muss ich unterbinden. Manche Leute haben den Humor echt mit Löffeln gefressen.