77-Jähriger stellt Rollstuhl auf einem Auto ab – vier Monate Haft ohne Bewährung

Eine Motorhaube ist sicherlich kein geeigneter Parkplatz für einen Rollstuhl. Ein 77-Jähriger sah das allerdings anders und musste sich nun wegen Sachbeschädigung vor dem Landsberger Amtsgericht verantworten.

Es war ein Nachmittag Anfang März im Vorderanger in Landsberg. Nach Aussage des schwerbehinderten Angeklagten vor Gericht habe er zuerst sein Fahrzeug abgestellt und anschließend seinen Rollstuhl aus dem Kofferraum gehoben. Sodann habe er sich umgedreht und sei erstmal stehen geblieben, weil er große Schmerzen in den Beinen spürte und daraufhin einen Schwächeanfall erlitt. Schließlich soll er den Rollstuhl auf die Motorhaube des anderen Autos gestellt haben.

Das in dem Auto sitzende Ehepaar war davon weniger begeistert, wollte es doch nur hinter dem Wagen des Angeklagten in die Parklücke fahren. Allerdings gelang das nicht in voller Länge, der 44 Jahre alte Fahrer musste den Parkversuch abbrechen. Als Grund gab der Mann zeugenschaftlich vor Gericht an, dass er sauer gewesen sei, weil ihn der Angeklagte aggressiv und laut aufgefordert habe, ein Stück zurückzuweichen. Deshalb habe er die Aufforderung verweigert und vielmehr vom Angeklagten gefordert, er solle doch mit seinem Auto ein paar Meter vorfahren. Vor dessen Wagen sei nämlich mehr Platz gewesen als hinter seinem. Daraus wurde nichts. Keiner war bereit zu handeln, so dass die Polizei gerufen wurde, welche die Ermittlungen aufnahm. Der Rollstuhl soll seitlich auf der Motorhaube gelegen und von dort zu Boden gerutscht sein. Vor Gericht wird der Lackschaden mit etwa 200 Euro beziffert.

Dass es sich bei dem besagten Schwächeanfall um eine Schutzbehauptung handelt, darüber waren sich der Richter und der Vertreter der Anklage einig. Der Angeklagte soll vielmehr aggressiv reagiert haben, als er festgestellt habe, dass zwischen den Autos nicht mehr genügend Raum war, um seinen Rollstuhl abzustellen. Rechtsreferendar Heinrich Pytka forderte schließlich fünf Monate Haft auf Bewährung sowie eine Geldauflage von 800 Euro. Der Rechtsanwalt des Angeklagten beantragte Freispruch.

Richter Andreas Niedermeier fällte das Urteil: 4 Monate Freiheitsstrafe, eine Strafaussetzung zur Bewährung komme angesichts der Vorstrafen und offenen Bewährung des Angeklagten nicht mehr in Betracht. Dreimal ist der 77-Jährige bereits vorbelastet: Eine gefährliche Körperverletzung mit Beleidigung, eine weitere Beleidigung sowie einen Diebstahl. Beim Angeklagten würden sich keine Anhaltspunkte für eine „günstige Sozialprognose“ zeigen. Vielmehr habe er unter offener Bewährung seinen Rollstuhl auf dem Auto eines Fremden „abgeladen“.

Hinzu kommt, dass dem Angeklagten vor der Verhandlung im Rahmen der Sicherheitskontrolle ein Einhandmesser abgenommen wurde, das er in einer Umhängetasche bei sich hatte. Hierbei handelt es sich um eine Ordnungswidrigkeit. Das Messer wurde der Polizei übergeben. Der Angeklagte hat – wie eine Nachfrage unsererseits ergab – gegen das Urteil bereits Berufung eingelegt.

Fundstelle:
Augsburger Allgemeine vom 10.11.2015

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