Tierquälerei? Das Kalb auf dem Motorrad

Auf 200 Jahre Rechtsprechung im Nordwesten blickt das Oberlandesgericht Oldenburg zurück und weist auf ein Urteil aus dem Jahre 1929 hin. In dem damaligen Fall verwarf das Oberlandesgericht die Revision eines Landwirts, der vom Amtsgericht Jever wegen Tierquälerei zu einer Geldstrafe verurteilt worden war.

Der Landwirt stand vor einem Problem. Seine bisher recht undankbare Kuh hatte ein Kalb geboren, war aber nicht fähig, ihren Nachwuchs auch zu ernähren. Sie gab nicht genug Milch für das Kalb ab. Da der Landwirt aber ein Mann der Tat war, beschloss er kurzerhand, das Kalb zu einem befreundeten Kollegen zu transportieren, da dieser eine Kuh hatte, die das Kalb auch ernähren könnte.

Hier ergab sich jedoch das Problem, dass der Landwirt kein passendes Fuhrwerk hierfür hatte. Er bereitete deshalb eine Decke über den Tank seines Motorrades, legte das Tier längs darauf und startete seine Fahrt.

Das Kalb genoss die Fahrt sichtlich und sah neugierig nach vorne, seine Beine baumelten seitlich neben der Decke herunter. Mit einer Hand lenkte der Landwirt das Motorrad, die andere Hand ruhte auf dem Kalb. Wie könnte es anders sein, geriet er samt Kalb in eine Polizeikontrolle. Den Beamten erklärte der Landwirt die ungewöhnlichen Umstände dieses notwendigen Transports und die Polizisten mussten erkennen, dass das Kalb sich auf dem Tank sichtlich wohl fühlte, denn es weigerte sich zunächst standhaft, seinen Platz zu verlassen.

Genutzt hat dies dem Landwirt nichts. Die Gerichte nahmen Bezug auf eine Ministerialbekanntmachung aus dem Jahre 1876 über die Verhütung der Tierquälerei. Darin war festgelegt, dass alle zur Beförderung von lebenden Tieren benutzten Fuhrwerke so geräumig sein müssen, dass die Tiere nebeneinander stehen oder liegen können, ohne gepresst oder gescheuert zu werden und so hohe Wandungen haben, dass ein Überhängen der Köpfe über die Wandungen nicht vorkommen kann.

Diesen Anforderungen wurde das Motorrad nicht gerecht. Dass dieses motorisierte Gefährt zum Zeitpunkt des Erlasses der Vorschrift noch gar nicht erfunden war, war dabei für das Gericht nicht von Bedeutung.

Fundstellen:
Rechtsindex.de vom 25.01.2015
Walter Ordemann, Vom Wind bewegt, Bad Zwischenahn 2006, S. 21.

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