OLG München: Spiritueller Meister muss über 100.000 Euro zurückzahlen

Ein Ehepaar zahlte zehn Prozent seines Einkommens an einen spirituellen „Lehrer“, damit dieser es den Unsterblichen zukommen lasse, die wiederum damit Gutes für die Menschheit täten. Das Ehepaar glaubte das zuerst, wurde aber dann eines Besseren belehrt. Der 14. Zivilsenat des Oberlandesgerichts (OLG) München bestätigte nun ein vorausgehendes Urteil des Landgerichts München I, welches den Esoteriker zur Rückzahlung von insgesamt 109.500,88 Euro an seine „Schüler“ verurteilt hatte.

Das klagende Ehepaar bezeugte vor Gericht, dass sie jahrelang mit dem jetzigen Beklagten freundschaftlich verbunden waren. Sie wollten von ihm den „adeptischen Weg“ lernen. Zu diesem Zwecke wurden sie zugleich dessen esoterisch-spirituelle Meisterschüler. Auf Aufforderung des „Lehrers“ mussten sie zum Fortschritt eben dieses Weges mit dem Zehnten ihres Einkommens Gutes in der Welt tun. Der Meister sagte aber auch, dass er dass lieber zuerst selbst übernehme, da die beiden „Schüler“ jetzt noch nicht so weit wären. Außerdem könne er als „Adept“ Kontakt zu den „Unsterblichen“ herstellen und nur von dort erhalte er Auskunft, wo die Beträge sinnvoll verwendet werden könnten.

Über Jahre hinweg zahlten die Eheleute ihren Anteil, mithin über 100.000 Euro. Ihr „Meister“, zweckmäßig Inhaber einer Firma, hatte für Leistungen wie Marketing, Coaching, Beratung oder Suchmaschinenoptimierung in Höhe der Summen ordentliche Rechnungen gestellt. Allerdings verwendete der „Meister“ die ihm zum guten Zwecke zugedachten Spenden nicht zweckgebunden, sondern – wie von ihm von vornherein beabsichtigt – für eigene Zwecke. Die ganze Sache flog 2013 auf, als die Kläger mit der Ehefrau des „Meisters“ telefonierten, die selbst über die Geschichte schockiert war. Denn auch sie war dem Glauben an die „Unsterblichen“ verfallen und befinde sich deswegen seit zwei Jahren in Therapie. Erklären können sie sich das nur so, dass es ähnlich sei wie bei Personen, die sich auf eine Sekte einließen.

Bereits das Landgericht München I verurteilte den „Lehrer“ zur Zahlung des Betrags nebst Zinsen. Das Verhalten des Beklagten habe jeweils den Tatbestand des Betrugs erfüllt, die geltend gemachten Rückzahlungsansprüche seien daher gemäß § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit § 263 StGB begründet. Dagegen hatte der Verurteilte Berufung eingelegt, allerdings ohne Erfolg. Auch vor dem OLG wurde er nun zur Zahlung von insgesamt 109.500,88 Euro verurteilt.

Den Urteilsgründen ist die Verwunderung zu entnehmen, mit der die Richter zu der Überzeugung kamen, dass die Geschichte des „Lehrers“ tatsächlich zu einem kausalen Irrtum bei den Geschädigten führte, aufgrund dessen sie die Vermögensverschiebung vornahmen:

„Zwar ist dem Senat kaum nachvollziehbar, wie jemand daran glauben kann, dass eine physisch reale Geldübergabe an in Wirklichkeit lange verstorbene Persönlichkeiten erfolgt, auch wenn diese nach der Überzeugung des Klägers und seiner Ehefrau ‚unsterblich‘ waren.“ In Anbetracht der Rahmenumstände und des persönlichen Eindrucks von dem Ehepaar sei es aber „jedenfalls innerhalb dieses Systems (wenn auch nicht für den Außenstehenden) logisch und nachvollziehbar, dass der Kläger und seine Ehefrau dem Beklagten all seine Lehren und Aussagen geglaubt haben.“ In sich nachvollziehbar habe die Frau auch glaubhaft angegeben, dass für sie eine Welt zusammengebrochen sei, als sie erfasst habe, vom Beklagten belogen worden zu sein.

Zudem hält der Senat es für äußerst fernliegend, dass beide sich ausgerechnet einen derart im Metaphysischen wurzelnden, für Außenstehende kaum nachvollziehbaren Sachverhalt ausgedacht haben könnten, wenn dieser nicht dem tatsächlichen Geschehen entsprochen hätte.“

Auch zur Verjährung wurde interessantes angemerkt: Zwar sei zivilrechtlich grundsätzlich nach objektiven Gegebenheiten zu bestimmen, ob die Beiden aufgrund grober Fahrlässigkeit das Vorliegen der anspruchsbegründenden Tatsachen nicht erkannt hätten. Im vorliegenden Fall könnten diese Umstände auch durchaus für die Annahme grober Fahrlässigkeit sprechen, da es „bei objektiver Betrachtung auf der Hand lag, dass eine Übergabe von Geld an bereits lange verstorbene Personen nicht möglich ist.“

Was die Leichtgläubigkeit der Kläger angeht, zieht das Gericht eine interessante Parallele zu Fällen aus der realen Welt, die insbesondere nach der Bankenkrise mehrfach Gegenstand gerichtlicher Klärung waren: „Andererseits ist der Beklagte aber als Lehrer und umfassender Berater des Klägers und seiner Ehefrau tätig geworden. Diese sind deswegen in dem Vertrauen auf die Richtigkeit der Angaben des Beklagten geschützt. Diese für Anlageberater entwickelte Rechtsprechung ist auch im vorliegenden Fall anzuwenden.“

Fundstelle:
LTO.de (Anne-Christine Herr) vom 11.12.2015, OLG München, Urteil vom 10.12.2015, Az. 14 U 915/15

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