Vater muss WhatsApp bei seinen Kindern entfernen

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Das Amtsgericht Bad Hersfeld hat einem alleinerziehenden Vater unter anderem die Auflage erteilt, WhatsApp und ähnliche Messenger-Dienste, welche eine zwangsweise automatische Vernetzung des Nutzers mittels der eigenen sowie fremder im Gerät hinterlegter Mobiltelefonnummern zwingend vorsehen oder vorschreiben, von den Smartphones seiner minderjährigen Töchter zu entfernen. Hintergrund waren wiederholt vorgekommene „Sexting“-Vorfälle, die das Wohl der Töchter sichtlich negativ beeinträchtigen, so das Gericht.

Wie kam es dazu?

Nachdem den Behörden bekannt geworden war, dass die minderjährigen Töchter schon seit längerer Zeit Nachrichten mit sexualisierten Inhalten („Sex-Texting“ oder „Sexting“) per WhatsApp übermittelt bekamen, beantragte die Mutter – weil sie dem Vater Vernachlässigung der Aufsichtspflicht vorwarf – zuerst die Übertragung des Aufenthaltsbestimmungsrechts für beide Töchter. Die Anträge zog sie zurück, nachdem klar wurde, dass der Vater über die konkret im Raume stehenden Vorwürfe zuerst nicht informiert war, dann aber glaubhaft angab und aufzeigte, die weitere Kommunikation mit dem Sender der Nachrichten gegenüber den Töchtern verboten zu haben.

Das Gericht hielt es nach seinen ausführlichen Ermittlungen trotzdem für geboten, dem Vater Auflagen zu erteilen und grundsätzlich Hilfestellungen zu der Thematik Messenger-Nutzung durch Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren zu geben.

Die Kindeseltern der beiden Mädchen S., derzeit 15 Jahre alt, und T., derzeit 10 Jahre alt, hatten sich im Jahre 2006 getrennt und sind geschieden. Beide Töchter besitzen Mobilfunkgeräte. Die jüngere Tochter T. besitzt ein Smartphone, und die ältere Tochter S. besitzt zwei Smartphones. Auf den Mobiltelefonen der Töchter ist neben anderen Programmen bzw. Apps auch jeweils die Messenger-App „WhatsApp“ installiert. Am 13.5.2016 erstattete die ältere Tochter S. unmittelbar nach einem Umgangswochenende gemeinsam mit ihrer Mutter und deren Lebensgefährten bei der Polizei in B. eine Anzeige wegen des Verdachts der sexuellen Belästigung gegen den Beschuldigten Herrn V.

Der Anzeige lagen folgende Umstände zu Grunde: Der durch die Anzeige Beschuldigte ist ein Freund des Kindesvaters seit der gemeinsamen Schulzeit. Er wohnt in einer Nachbargemeinde zum Wohnort des Kindesvaters, in welche der Kindesvater die Töchter auch häufig zu Therapie-Terminen (Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie) fährt. Fallen hierbei Wartezeiten an, begibt sich der Kindesvater manchmal zu diesem Schulfreund und verbringt die Zeit dort, teilweise auch unter Mitnahme der anderen, jeweils gerade nicht in Therapieterminen befindlichen Tochter.

Gegenüber dem Jugendamt berichtete die Lehrerin, welcher sich S. in der Schule anvertraut hatte, konkret, dass S. durch diesen Freund des Kindesvaters auf ihrem Smartphone über das Programm „WhatsApp“ erheblich und langandauernd sexuell belästigt worden sei. Dieser Schulfreund habe außerdem bei den üblichen Besuchen bei sich auch schon einige Male nebenbei Fotos von beiden Töchtern gefertigt. S. habe im Gespräch mit der Lehrerin unter anderem auch noch angegeben, dass der Kindesvater seiner älteren Tochter eine Blockierung des „WhatsApp“-Kontaktes zu diesem Freund untersagt habe.

Die über zwölf Monaten andauernde, vehemente und ausdauernde Kommunikation über WhatsApp habe die Schwestern stark ergriffen und ihr Wohlbefinden sichtlich negativ beeinträchtigt, befand das Gericht. WhatsApp stelle für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren „grundsätzlich eine Gefahr für ihre Privatsphäre und ihre Entwicklung dar“. Dies gelte zumindest dann, wenn die Kinder vor jener Nutzung nicht einen „ausgeprägten verantwortungsvollen Umgang mit den Funktionen und den Risiken aufgezeigt bekommen haben und wenn sie nicht bereits eine besondere geistige Reife und vorausschauende Sicht im Hinblick auf die Nutzung aufweisen“.

Kann eine mögliche Kontaktaufnahme dieser Person mit dem Kind über die auf den elektronischen Geräten des Kindes (hier: Smartphones) vorhandenen digitalen Applikationen/Apps schon deshalb nicht sicher verhindert werden, weil die betreffenden Apps eine Zwangsvernetzungstechnik über die Kenntnis rein der Mobilfunknummer vorsehen (hier: „WhatsApp“), so seien solche Anwendungen von den elektronischen Geräten des Kindes zu entfernen und es sei dieser abgesicherte Zustand durch die Kindeseltern mittels geeigneter Kontrollen der Geräte laufend aufrecht zu erhalten.

Bestehe nach gegebenen Vorfällen in der Vergangenheit Anlass zur Sorge um den verantwortungsvollen Umgang des Kindes mit den für es frei zugänglichen elektronischen Geräten sowie um den hinreichenden Schutz des Kindes vor Belästigung durch Dritte im virtuellen Raum, hätten die Eltern mit dem Kind regelmäßig klärende Gespräche zu führen sowie in hinreichenden Abständen gemeinsam mit dem Kind auch Einsicht in dessen elektronische Geräte zu nehmen.

Die Eltern wurden zudem noch vom Gericht darauf hingewiesen, dass „Smart-Geräte aufgrund ihrer vielfältigen technischen Möglichkeiten und ihrer vernetzten Anbindung nicht als einfaches elektronisches Spielzeug angesehen werden können, welches den Kindern schlicht und ohne jegliche Überwachung ausgehändigt werden könnte“. Vielmehr hätten besonnene, vernünftige Eltern, die ihren Kindern solche Geräte überlassen, laufend sicherzustellen, dass diese sich mit den möglichen Risiken und Gefahren an dem Gerät auskennen und darauf jeweils adäquat reagieren können. Zusätzlich biete es sich insbesondere bei der jüngeren Tochter noch eine digitale Kindersicherung an. Der Vater muss gegenüber dem Familiengericht nachweisen, dass er den Auflagen nachgekommen ist.

Fundstelle:
Amtsgericht Bad Hersfeld, Beschl. v. 22.07.2016, Az.: F 361/16 EASO

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