„Einladung zum Haftantritt heißt das – Richter, bist du neu hier?“

Richter
Foto: Symbolbild

„Kennt ihr den Unterschied zwischen Beamtenärschen und Holz?“, hört man einen älteren Mann durch die Gänge des Amtsgerichts Backnang schreien – die Antwort liefert er unmittelbar nach: „Holz arbeitet!. Zu diesem Zeitpunkt wussten die Beteiligten, das wird keine einfache Verhandlung werden. Der 65-Jährige Mann sollte sich unter anderem wegen des „Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ vor dem Strafrichter verantworten. Der Angeklagte versuchte, die Sache zu beschleunigen, er wolle schnellstmöglich ins Gefängnis.

Zu Beginn übergab er der Protokollführerin einen kleinen Rosenzweig – eine versöhnliche Geste könnte man meinen. Doch wie die Stuttgarter Zeitung berichtet, erklärte ein Blick aus dem Fenster, dass der Zweig nicht ganz legal in Besitz genommen wurde. Zum Richter gewandt sagte der Angeklagte: „Du kannst ein Urteil knacken lassen, Zeugen brauchen wir nicht, ich gestehe alles.“ Zuerst aber sollte die Verlesung der Anklageschrift folgen. Doch der Mann, der nach eigenen Angaben bereits seit 14 Jahren ohne festen Wohnsitz und zurzeit in einem Bauwagen lebt, greift auch hier in gewohnt direkter Art ein. Richter Eike Fesefeldt äußert daraufhin Bedenken zur Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten und hält Rücksprache mit seinem Vorvorvorgänger Wolfgang Wünsch, der bereits seit mehreren Jahren am Oberlandesgericht Stuttgart tätig ist, und für den der Angeklagte kein Fremder ist.

Schließlich entschied sich Richter Fesefeldt, einen Alkoholtest beim Angeklagten durchzuführen. Eine Polizeistreife wurde zum Gericht beordert. Das sei „gar kein Problem“ gab der Angeklagte zu verstehen, „ich tippe auf 2,4 Promille“ und forderte den Richter auf: „Jetzt schließ die Verhandlung, ich brauch’ ein Winterquartier.“ Um diese Jahreszeit sei es nicht schlecht im Knast, man hätte immer jemanden zum Kartenspielen, zu Essen und warm sei es auch. Nun galt es die Zeit bis zum Eintreffen der Polizeibeamten zu überbrücken, so fragte der Richter: „Haben Sie etwas Schönes zu erzählen?“ in Bezug auf die Bundeswehrzeit des Angeklagten, die dieser zuvor wiederholend lautstark erwähnte. Diese Taktik schien eine Zeit lang recht gut zu funktionieren, doch dann besann sich der Angeklagte wieder auf das Wesentliche: „Jetzt verknack mich doch endlich für sechs Monate ohne Bewährung. Einladung zum Haftantritt heißt das – Richter, bist du neu hier?“

Doch der Richter bekräftigte nochmals, dass er den Angeklagten für nicht verhandlungsfähig halte. Das Ergebnis der Atemalkoholkontrolle bestätige seine Vermutung: Umgerechnet 2,8 Promille gibt das Gerät als Wert an. Nun wurde dem Angeklagten sein Wunsch doch noch erfüllt. Es erging unmittelbar Haftbefehl, weil das Gericht dies für eine ordnungsgemäße Durchführung einer Verhandlung für geboten ansah. Würde man den Angeklagten jetzt bis zum nächsten Termin entlassen, drohe dasselbe Spiel wie zu diesem Termin. „Sie gehen jetzt erst mal nach Stammheim, und wir sehen uns in zwei ­Wochen wieder.“ Dagegen hatte der Angeklagte nichts, doch einen Wunsch hatte er noch zum Schluss: „Kannst du noch umbuchen? Asperg wäre mir lieber.“

Fundstelle:
Stuttgarter Zeitung
vom 06.10.2016

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  • Also, ich finde ja, auch ein Penner hat Respekt zu zollen. Wenn er das nicht tut, kommt er in eine unbeheizte Hütte auf das Außengelände der JVA. Und das Essen – kann er sich dann bei den Mithäftlingen erbetteln.

    • Löffel der Selbstreflexion

      Du dem Obdachlosen aber nicht? Wieso sollte Er dann? Mal an die eigene Nase fassen du Laserschwert ;)