Rosenmontag: Kein Schmerzensgeld aufgrund fliegender Pralinenschachtel

Pralinenschachtel
Foto: Symbolbild

Zuschauer eines Rosenmontagszugs haben im Regelfall keinen Anspruch auf Schadenersatz und Schmerzensgeld, wenn sie von ,,Wurfgeschossen“ der auf den vorbeiziehenden Karnevalswagen stehenden Jecken getroffen werden. Dies geht aus einem Urteil des Amtsgerichts Aachen hervor. Es sei allgemein bekannt, dass bei Karnevalsumzügen von den Festwagen aus Gegenstände unter die Zuschauer geworfen werden. Dass hierdurch für die Zuschauer das Risiko besteht, von einem derartigen Gegenstand auch verletzt zu werden, kann auch dem Kläger nicht unbekannt geblieben sein.

Der Kläger begehrte mit seiner Klage Schmerzensgeld sowie Ersatz materiellen Schadens nach einer Verletzung bei einem Karnevalsumzug. Der Kläger erlitt, als er den Rosenmontagszug in B ansah, eine Platzwunde auf der Stirn. Diese Wunde wurde im Krankenhaus X, in welches der Kläger mit einem Krankenwagen gebracht worden war, mit Silikon geschlossen.

Der Kläger trägt vor, Ursache seiner Stirnverletzung sei gewesen, dass der Beklagte Ziffer 1) vom Karnevalswagen der Beklagten Ziffer 2) aus mit einem scharfkantigen Karton, wohl einem Pralinenkarton, in Richtung des Klägers geworfen habe. Dieser Karton habe den Kläger an der Stirn getroffen. Neben materiellem Schaden in Höhe von 43,20 Euro stünde dem Kläger ein Schmerzensgeld in Höhe von 1.000,00 Euro zu.

Das Amtsgericht Aachen wies die Klage ab. Dem Kläger stünde gegen die Beklagten kein Schadensersatzanspruch zu. Dahinstehen könne, ob Ursache der Platzwunde auf der Stirn des Klägers tatsächlich ein durch den Beklagten Ziffer 1) von einem Wagen der Beklagten Ziffer 2) geworfener Karton, etwa ein Pralinenkarton, war. Selbst wenn der Klägervortrag zutreffen würde, hätte sich nur ein Verletzungsrisiko verwirklicht, in welches der Kläger durch seine Anwesenheit beim Rosenmontagsumzug eingewilligt hatte.

Es sei allgemein bekannt, dass bei Karnevalsumzügen von den Festwagen aus Gegenstände unter die Zuschauer geworfen werden. Dass hierdurch für die Zuschauer das Risiko besteht, von einem derartigen Gegenstand auch verletzt zu werden, kann auch dem Kläger nicht unbekannt geblieben sein. Wenn der Kläger gleichwohl als Zuschauer einen Karnevalsumzug ansieht, willigt er hierdurch konkludent in ein derartiges Verletzungsrisiko ein. Wenn der Kläger dann tatsächlich durch einen derart geworfenen Gegenstand verletzt wird, kann er daraus jedenfalls keine Schadensersatzansprüche ableiten.

Daran ändere auch die Argumentation des Kläger-Vertreters nichts. Dieser hat erklärt, im B-er Karneval sei bislang lediglich nur mit Kamelle geworfen worden. Andere Gegenstände seien, wenn überhaupt, nur von den Wagen an Zuschauer heruntergereicht, nicht aber in die Zuschauermenge geworfen worden. Der Kläger habe deshalb jedenfalls beim Rosenmontagsumzug in B nicht mit einem geworfenen Pralinenkarton rechnen müssen. Dieser Argumentation könne bereits deshalb nicht gefolgt werden, weil der Kläger dabei gerade auf besondere, dem Gericht im übrigen nicht bekannte Gepflogenheiten nur in B abstellt.

Maßgeblich zur Beurteilung der Situation, in welche der Kläger durch seine Anwesenheit eingewilligt hat, ist nicht nur der konkrete Ort B, sondern das gesamte Rheinland. Ansonsten wären etwa Fälle mit Umzugsbesuchern aus dem Umland anders zu beurteilen als mit Ortsansässigen. Im Rheinland sei es aber, wie auch der Kläger nicht bestritten hat, üblich, außer mit Kamelle auch mit anderen Gegenständen wie etwa Pralinenschachteln oder Schokoladetafeln zu werfen.

Selbst wenn der Vortrag des Klägers, solches sei in B bisher nicht der Fall gewesen, zutrifft, könne der Kläger doch nicht darauf vertrauen, dass beim Rosenmontagsumzug 2005 nunmehr nicht auch in B im Anschluß an die Gepflogenheiten der Umgebung mit Pralinenschachteln geworfen wird. Vielmehr lag es nahe, dass derartiges Wurfgut nunmehr auch in B verwendet wird. Auch hierin hat der Kläger durch seine Anwesenheit konkludent eingewilligt.

Etwas anderes würde nur gelten, wenn Gebräuche aus einem völlig anderen Landesteil Deutschlands mit einer eigenen und vom rheinischen Karneval getrennten Fastnachtstradition übernommen würden, welche besondere und neue Gefahren mit sich bringen würden. Unter diesen Umständen wäre dem Kläger Recht zu geben, dass eine Einwilligung in diese Gefahren nicht vorgelegen hätte. Dies aber ist mit dem Werfen von Pralinenkartons in B nicht gleichzusetzen.

Fundstelle:
AG Aachen · Urteil vom 10. November 2005 · Az. 13 C 250/05

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  • Tineoidea

    Also wäre ein Werfen mit Bowlingskugeln von einem Umzugswagen auch i.O.?

  • Ghize

    Gegenfrage: Ist es üblich, dass auf Karnevalszügen Bowlingkugeln geworfen werden? *kopfschüttel*