Vom Bankräuber zum Juraprofessor

Juraprofessor
Foto: https://www.georgetown.edu

Elf Jahre lang saß der 41-Jährige Shon Hopwood aus dem US-Bundesstaat Nebraska wegen bewaffneten Bankraubes im Gefängnis. Er nutzte die Zeit sinnvoll und studierte juristische Literatur in der Bibliothek. Mittlerweile ist er ein anerkannter Jurist und wurde von der Rechtsfakultät der Georgetown Universität in Washington D.C. zum Professor berufen. Seine Lehrtätigkeit mit dem Schwerpunkt „Rechte der Gefangenen“ soll er zum kommenden Studienjahr aufnehmen.

„Ich bin jetzt vermutlich der einzige Juraprofessor in Amerika, der ein Gefängnis als Insasse von innen gesehen hat“, so Hopwood. Das Angebot habe ihn erstmal schockiert und kam auch überraschend. „Ich hätte schon nicht gedacht, dass ich einmal an einer Universität studieren und Rechtsanwalt werden würde.“ Die Zulassung zur Anwaltschaft bekam er vor zwei Jahren.

Wenn man sich fragt, wie Hopwood auf die schiefe Bahn geraten konnte, muss man bei seiner Leidenschaft anfangen. Dabei handelte es sich nicht um Jura, sondern um Basketball. Seine Kindheit bezeichnet Hopwood als „glücklich“. Zwar hatte er an der Schule kein Interesse, doch Basketball war seine Hingebung. Trotz mittelmäßiger Noten verhalf ihm diese Sportart zu einem Stipendium an einem College. Doch die Noten holten ihn wieder ein, der Abschluss war in weiter Ferne. Das College beendete die Ausbildung.

Im nächsten Schritt heuerte Hopwood bei der US-Navy an, wo er nach einer akuten Blinddarmentzündung fast gestorben wäre. Es folgten zwei Jahre auf einem Kriegsschiff im Persischen Golf, bevor Hopwood seinen Rückzug von der Navy vollzog und wieder zu seinen Eltern nach Nebraska zog. Damit begann ein katastrophaler Kreislauf aus tiefen Depressionen, Alkohol und Drogen. Um wenigstens etwas Geld zu verdienen, arbeitete Hopwood auf einer Farm. Sein damaliger bester Freund sah aber einen vermeintlichen Ausweg in einem Banküberfall. Hopwood war dem nicht abgeneigt.

„Wir besorgten uns Waffen, stürmten in eine Bank und forderten alle auf, sich auf den Boden zu legen“, erinnert sich Hopwood an seinen ersten Bankraub. „Dann nahmen wir uns so viel Geld, wie wir tragen konnten aus den Kassen und waren nach wenigen Minuten wieder verschwunden.“ Knapp 50.000 Dollar war die Ausbeute dieses ersten Überfalls im Jahre 1997. Dabei sollte es nicht bleiben. Doch zuerst plagte Hopwood das schlechte Gewissen. Freunde schlugen ihm vor, das Geld samt Entschuldigungsschreiben wieder zurückzuschicken. Davon hielten Hopwood und sein Komplize aber nichts. Stattdessen folgten weitere Überfälle.

Es kam das Unausweichliche: Die beiden Freunde wurden durch das FBI verhaftet, nachdem sie bereits insgesamt fünf Banken ausgeraubt und knapp 200.000 Dollar erbeutet hatten. Die Verhandlung wegen bewaffneten Raubüberfalls fand 1999 statt. 30 Familienmitglieder bettelten um ein mildes Urteil. Auch Hopwood selbst hoffte auf eine zweite Chance und versprach sich zu ändern. Der zuständige Richter sah das anders:

„Das werden wir dann nach 13 Jahren Gefängnis sehen, ob Sie wirklich meinen, was Sie heute sagen“, erklärte Richter Richard G. Knopf bei der Begründung seines strengen Strafmaßes. Zwar habe es bei den Überfällen keine Verletzte gegeben. „Aber Sie haben die Leute zu Tode erschreckt.“ Bereits während des Prozesses war erkennbar, dass der Richter eine Abneigung gegenüber dem Angeklagten hat, in dem er ihn zum Beispiel verächtlich „Punk“ nannte.

„Ich wollte einfach nicht, dass das Gefängnis mein weiteres Schicksal bestimmt“, gab der damals 23 Jahre alte Hopwood später in einem Interview an. „Wenn dein Leben aus allen Fugen gerät, musst du etwas ändern oder du gehst unter.“ Hopwood wurde in der Bundeshaftanstalt von Pekin in Illinois inhaftiert und fand dort seine Berufung in der Gefängnisbücherei. Dem vorausgegangen war eine Einzelhaft von fünf Monaten, die Hopwood zur Frage brachten, welche Rechte eigentlich ein Gefangener hat. Aus der Recherche wurde schließlich Leidenschaft.

So begann Hopwood seinen eigenen Fall juristisch zu untersuchen, schrieb Eingaben an Gerichte, hoffte auf eine Neuauflage seines Verfahrens und half auch anderen Häftlingen bei Einspruchsverfahren. „Am Ende habe ich eine eigene Anwaltskanzlei im Gefängnis betrieben“, sagt Hopwood. Und das mit Erfolg. So schaffte Hopwood es nicht nur, seine eigene Strafe um zwei Jahre zu reduzieren, sondern auch die von Mitgefangenen. Die „New York Times“ nannte ihn später einen „mittelmäßigen Bankräuber, einen unvergleichbaren Gefängnisanwalt“.

Für einen Mithäftling ging er sogar bis zum Supreme Court. „Es war einer der besten Einsprüche, die ich in meinem Leben gelesen habe“, gibt Rechtsanwalt Seth Waxman, der den Fall später übernahm und die Strafe eines Drogendealers von 16 auf vier Jahre reduzieren konnte, an. Shon Hopwood war 33 Jahre alt, als er 2008 entlassen wurde. Er heiratete seine Jugendliebe aus Nebraska, wurde Vater von zwei Kindern und wollte Rechtsanwalt werden.

Doch es fehlte an Geld und als Ex-Häftling an einem College aufgenommen werden, ist nicht so einfach. Erst nach vielen Absagen und der Fürsprache von Rechtsanwalt Waxman bekam er eine Aushilfsstelle in einer Kanzlei, später ein Stipendium der Universität von Washington. „Die ganze Zeit habe ich mich immer gefragt, ob mich die Anwaltsvereinigung überhaupt als Rechtsanwalt zulassen würde“, erinnert sich Hopwood, der mittlerweile auch ein Buch über sein Leben veröffentlicht hat, an seine Studienzeit.

Die Bedenken waren aber unbegründet, die Zulassung als Anwalt erfolgte im April 2015. Nur zwei Jahre später folgt die Ernennung zum Professor.

Fundstelle:
welt.de vom 25.04.2017

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