Spoofing: Kassiererin handelte nicht grob fahrlässig

Spoofing
Foto: Symbolbild

Das Landesarbeitsgericht Düsseldorf hat entschieden, dass eine Kassiererin für die telefonische Weitergabe von 124 Codes aus Prepaidkarten an Betrüger nicht haften muss.

Die Beklagte ist seit dem 21.06.2015 in Teilzeit als Kassiererin in einer Tankstelle beschäftigt. Sie wurde an ein bis zwei Tagen eingearbeitet. Dabei ist ihr die Betriebsanweisung mitgeteilt worden, Telefonkarten nicht am Telefon herauszugeben. Am Abend des 29.09.2015 arbeitete die Beklagte in der Tankstelle. Um 22.49 Uhr erhielt sie einen Anruf von einer männlichen Person, die sich als Mitarbeiter einer Telefongesellschaft ausgab. Er erklärte, dass eine Systemumstellung vorgenommen werden solle, womit eine andere Firma, und zwar diejenige, die für Betreuung des gesamten Betriebssystems der Tankstelle zuständig war, beauftragt sei. Diese würde sich kurze Zeit später telefonisch melden. Um 22.51 Uhr erhielt die Beklagte einen Anruf einer weiteren männlichen Person, die sich als Mitarbeiter der beauftragten Firma ausgab. Diese gab an, dass sämtliche 30-Euro-Prepaidtelefonkarten durch neue ersetzt werden müssten. Die Beklagte scannte daraufhin insgesamt 124 Prepaidkarten zu je 30 Euro ein, druckte die jeweils 14-stelligen Codes aus und gab dem Anrufer sämtliche Prepaid-Codes telefonisch bekannt. Bei den Anrufen handelte es sich um einen Betrug, durch den ein Schaden von 3.720 Euro entstand. Die polizeilichen Ermittlungen ergaben, dass es sich um einen Fall von sog. Spoofing handelte, bei dem eine falsche Telefonnummer des Anrufers angezeigt wurde. Die Klägerin, eine Versicherung, erstattete der Inhaberin der Tankstelle diesen Schaden und nimmt die beklagte Arbeitnehmerin aus übergegangenem Recht in Anspruch.

Die Klage hatte vor dem LAG Düsseldorf keinen Erfolg.

Nach Auffassung des Landesarbeitsgerichts hat die Klägerin die arbeitsvertragliche Ausschlussfrist nicht gewahrt. Nach dem Arbeitsvertrag komme daher eine Haftung nur noch bei grober Fahrlässigkeit in Betracht. Diese habe nicht vorgelegen. Die Kassiererin habe in der konkreten Situation die erforderliche Sorgfalt nicht in ungewöhnlich hohem Maße verletzt und das verkannt, was jedem hätte sofort einleuchten müssen. In der doppelten Anrufsituation habe sie sich in einer strukturellen Unterlegenheit gegenüber den Anrufern befunden, die den Betrugsversuch professionell vorbereitet hatten. Ein ganz entscheidender Aspekt dafür, dass die Kassiererin die Anrufe für echt halten durfte, sei zur Überzeugung des Gerichts folgender gewesen: Bei Eingabe der 124 Karten in das System fragte dieses die Kassiererin – anders als sonst – nicht, ob die Eingabe aufgrund telefonischer Anfrage erfolgte. Nach den zwei angeblich von der Telefongesellschaft und des Systembetreibers der Tankstelle erfolgten Anrufen durfte die Kassiererin jedenfalls aufgrund dieses weiteren Umstandes davon ausgehen, dass alles seine Richtigkeit hatte, selbst wenn generell eine Herausgabe der Codes der Telefonkarten auf telefonische Anweisung nicht erfolgen sollte.

Das Landesarbeitsgericht hat die Revision nicht zugelassen.

Quelle:
Pressemitteilung des LArbG Düsseldorf v. 29.08.2017

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  • Raoul

    „Ein ganz entscheidender Aspekt dafür, dass die Kassiererin die Anrufe
    für echt halten durfte, sei zur Überzeugung des Gerichts folgender
    gewesen: Bei Eingabe der 124 Karten in das System fragte dieses die
    Kassiererin – anders als sonst – nicht, ob die Eingabe aufgrund
    telefonischer Anfrage erfolgte.“

    Da wäre wirklich sehr interessant zu erfahren, warum nicht. Einfach unglaubliches Glück zugunsten der Betrüger? Bloße Schutzbehauptung der Kassiererin? Insgesamte Systemumstellung, von der die Betrüger Kenntnis erhielten? Aushebelung des Mechanismus durch konkretes, von den Betrügern veranlasstes, Eingabeverhalten? Automatische Ausblendung der Abfrage ab einer gewissen Anzahl zeitgleich generierter Nummern? Betrunkenes oder andersweitig intoxikiertes System?

  • Denise

    Bei dem Urteil hat die Arbeitnehmerin wirklich Glück gehabt. Sie hätte eigentlich hellhörig werden müssen aufgrund der Uhrzeit.
    Weder eine Telefongesellschaft noch eine Tankstellengesellschaft hat um 22:50 Uhr noch Bürozeiten. Mit solche Anrufe würden eher in der Zeit von 8:00 – 17:00 Uhr erfolgen.