Der gezähmte Mann

Mann
Foto: Symbolbild

Ein Beitrag aus der Reihe Rechtsgeschichte(n) von Prof. Dr. Arnd Diringer

Lassen sich Männer zähmen? Handelt es sich beim „Stehpinkeln“ um einen alten Brauch? Und was halten eigentlich Frauen davon? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigte sich das Amtsgericht Düsseldorf in einem Urteil vom 20.1.2015 (42 C 10583/14).

Es ging unter anderem um die Frage, ob ein Mieter dafür haftet, wenn ein im WC verlegter Marmorfußboden durch Urinspritzer beschädigt wird. Das Gericht meinte, dass es vorliegend jedenfalls am Verschulden fehlt und führte aus:

Trotz der in diesem Zusammenhang zunehmenden Domestizierung des Mannes ist das Urinieren im Stehen durchaus noch weit verbreitet.“

Das klingt interessant. Aber was bedeutet eigentlich „Domestizierung“?

Bei Wikipedia erfährt man, dass „Domestizierung oder Domestikation (zu lateinisch domesticus „häuslich“) (…) ein innerartlicher Veränderungsprozess von Wildtieren oder Wildpflanzen (ist), bei dem diese durch den Menschen über Generationen hinweg von der Wildform genetisch isoliert werden. (…) Dadurch und durch die weitere Züchtung wird eine Nutzung durch den Menschen oft erst möglich oder die Nutzbarkeit kann enorm verbessert werden“. Laut Duden bedeutet domestizieren „Haustiere oder Kulturpflanzen aus Wildformen züchten“, „(bildungssprachlich) zähmen, bändigen“. Synonyme zu „domestizieren“ sind danach „an den Menschen gewöhnen, sich bändigen, bezähmen, gefügig/zahm machen, im Zaum halten, Zügel anlegen, zügeln; (gehoben) zähmen“.

Dass das Amtsgericht Düsseldorf Männer zu Wildtieren oder Wildpflanzen zählt, erscheint eher unwahrscheinlich – auch wenn sich das den Entscheidungsgründen nicht mit Gewissheit entnehmen lässt. Viel wahrscheinlicher ist jedenfalls, dass das Gericht die Feststellung treffen wollte, dass Männer zwar zunehmend gezähmt sind, aber eben noch nicht ausreichend. An den Menschen gewöhnt dürften die meisten jedenfalls sein, auch wenn sich manche eher leicht, andere dagegen kaum im Zaum halten lassen. Und wie man Männer gefügig macht: nun ja…

Wie auch immer. Jedenfalls scheint es sich beim „Stehpinkeln“ um einen männlichen Brauch zu handeln – allerdings einen sehr konfliktträchtigen, wie das Gericht feststellt:

Jemand, der diesen früher herrschenden Brauch noch ausübt, muss (…) regelmäßig mit bisweilen erheblichen Auseinandersetzungen mit – insbesondere weiblichen – Mitbewohnern (…) rechnen.“

Stimmt – bedeutet aber nach Meinung des Düsseldorfer Gerichts nicht, dass Männer deshalb auch mit „einer Verätzung des im Badezimmer oder Gäste-WC verlegten Marmorbodens rechnen“ müssen. Vielmehr seien sie auf die besondere Empfindlichkeit eines solchen Bodens hinzuweisen. Denn dass „das Urinieren im Stehen derartige Auswirkungen haben kann, dürfte im Allgemeinen unbekannt sein.“

Auch das stimmt wohl. Und vielleicht ist der Hinweis darauf ein Argument, mit dem es endlich gelingt Männer vollständig zu zähmen.

Vielleicht aber auch nicht. Denn dass nach wie vor Urinale existieren, spricht jedenfalls dafür, dass es den „früher herrschenden Brauch“ des „Stehpinkelns“ noch immer gibt und wahrscheinlich auch noch eine Weile geben wird.

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