Immobilienkrieg in München – Skrupelloser Abriss

Ohne Genehmigung wurde ein denkmalgeschütztes Haus in Giesing zerstört

Abriss
Foto: Vor dem Abriss (Rufus46 - wikimedia - CC BY 3.0 DE - bearbeitet)

Die Grundstücks- und Immobilienpreise in München sind seit Jahren auf absolutem Rekordniveau. Eigentümer entsprechender Liegenschaften sind natürlich an einer möglichst gewinnbringenden Nutzung dieser interessiert. Blöd nur, wenn einem der Denkmalschutz einen Strich durch die Rechnung macht. In Giesing spielten sich nun unglaubliche Szenen ab – der skrupellose Abriss des einstigen Handwerkshauses, den selbst die Polizei nicht mehr verhindern konnte.

Am 2. August erhielten die Nachbarn des Gebäudes die folgende Nachricht von dessen Eigentümers: „Sehr geehrte Damen und Herren, das Gebäude Grasstr. 1 soll demnächst saniert werden. Das Gebäude bleibt dabei aus Gründen des Denkmalschutzes nach außen wie vorhanden erhalten.“ Dass dem tatsächlich nicht so sein sollte, erfuhr die Nachbarschaft nur einen Monat später. Eine Baufirma rückte mit einem Bagger an und deckte völlig unvermittelt das Dach ab und riss ein Loch in die Fassade des Hauses. Schockierte Nachbarn eilten herbei und stellten sich den Abrissarbeiten in den Weg. Ein Augenzeuge berichtet: „Ich konnte das anfangs gar nicht recht begreifen. Ich wunderte mich nur über den unsachgemäßen Abriss.“ Das Eingreifen schien erfolgreich, die Baustelle wurde gesperrt und das Haus schien gerettet.

Tatsächlich kam der Bautrupp am folgenden Tag jedoch zurück. In nur 20 Minuten wurde das Haus dem Erdboden gleich gemacht. Die erneut herbeieilenden Nachbarn sahen nur noch den Baggerfahrer davonlaufen, zwei seiner Kollegen flüchteten in die andere Richtung. Vier Personen seien in der Umgebung „Schmiere gestanden“. Die alarmierte Polizei konnte nur noch, gemeinsam mit Feuerwehr und THW, die chaotische Abrissbaustelle absichern.

Ein Video des Bayerischen Rundfunks zeigt die Abrissmaßnahme:

Der übereilte Abriss des Gebäudes kam freilich nicht von ungefähr. Dem Bauträger fehlte jegliche Genehmigung das unter Denkmalschutz stehende Haus abzureißen. Dies wird für die Verantwortlichen nicht ohne Konsequenzen bleiben. Alle zur Verfügung stehenden rechtlichen Sanktionsmöglichkeiten wolle man ausschöpfen, so das städtische Planungsreferat. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sprach über die Geschehnisse von einem Skandal und wolle „mit aller Härte gegen die Verantwortlichen vorgehen“.

Der Bauherr spricht von einem Versehen und behauptet, dass die Arbeiter keinen Auftrag zum Abriss gehabt haben. Er würde die Tätigkeiten kritisch verfolgen. Dennoch wurde die komplette Zerstörung des im Jahre 1840 erbauten ehemaligen Handwerkerhauses in der Feldmüllersiedlung nicht verhindert.

Mittlerweile wurde Anzeigen gegen den Geschäftsführer der Baufirma erstattet. Eigentümer eines Baudenkmals haben nach dem Bayerischen Denkmalschutzgesetz die Sache „instandzuhalten, instandzusetzen, sachgemäß zu behandeln und vor Gefährdung zu schützen, soweit ihnen das zuzumuten ist“. Bei Verstößen gegen die Vorschriften sind Geldbußen bis zu 250.000 Euro möglich.

In der Nachbarschaft der Skandalbaustelle ist die Empörung groß. Der Anwohner Matthias Rajmann vermutet, dass durch den Abriss das Einfügungsgebot des § 34 des Baugesetzbuchs umgangen werden sollte und statt der eigentlich geplanten Renovierung des Baudenkmals, eine neue Bebauung bis zur Traufhöhe des Nachbargebäudes erreicht werden sollte.

Auch aus der Politik kommen parteiübergreifend kritische Stimmen. Nur um Reibach zu machen, sei da „mutmaßlich eine kriminelle Sache gelaufen“, so Carmen Dullinger-Oßwald von den Grünen. Gülseren Demirel, Fraktionschefin der Stadtratsfraktion von Grünen/Rosa Liste, fordert generell ein konsequenteres Vorgehen gegen Spekulantentum auf dem Immobilienmarkt. Sie zieht auch drastische Strafen in Betracht: „Für einen Fall wie die Obere Grasstraße könnte auch Enteignung eine gerechte Strafe sein.“

Quellen:
Süddeutsche Zeitung vom 03.09.17
Süddeutsche Zeitung vom 04.09.17

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  • Pendelhoden

    wer ist denn der Bauherr? Die Baufirma ist ja bekannt.