Ist die Bezeichnung als „Hexe“ eine Beleidigung?

Hexe
Foto: Symbolbild

Unsere heutige Kuriosität des Tages kommt aus Süddeutschland. Genauer gesagt aus Mannheim. Das dortige Landgericht (LG) musste sich im Jahr 1979 mit der Frage befassen, ob die Bezeichnung einer Frau als „Hexe” und „Hure” den Straftatbestand der Beleidigung erfüllt. Der Vorsitzende Richter Dr. Wolf Wimmer (auch bekannt aus seinem Teufelsaustreiber-Urteil) stellte dabei fest: „In Süddeutschland gibt es kein Dorf ohne als Hexen verrufene Frauen“.

Die Klägerin warf der Beklagten Beleidigung, Verleumdung und vorsätzliche Körperverletzung vor, weil diese sie als „Hexe” und „Hure” bezeichnet hatte. Dabei fügte die Beklagte der Klägerin mit einem Glaskrug blutende Verletzungen am Kopf zu.

9% der Bundesbürger halten Hexerei für möglich

Der Erstrichter am Amtsgericht (AG) hat daraufhin Beweis erhoben durch die Vernehmung zweier Zeuginnen, die im wesentlichen das Vorbringen der Klägerin bestätigt haben. Ursache der Auseinandersetzung zwischen den beiden Frauen soll der Hexenglaube gewesen sein. Die Beklagte behauptete, die Klägerin habe ihr über einen „Hodcha” (Hexenbanner) vier Zaubersprüche („Musca“) besorgt, um eine gewisse Kälte ihres Ehemannes zu beseitigen. Die Klägerin bestritt dies. Ihr zufolge habe die Beklagte sie (die gar nicht an Hexen glaube) grundlos als Hexe verschrien.

Der Richter führte dazu aus, dass der Hexenglaube im nahen Orient der Gegenwart außerordentlich weit verbreitet sei. Doch auch hierzulande stünde es kaum besser. Nach der letzten einschlägigen Umfrage (1973) glauben 2% der Einwohner der Bundesrepublik fest an „Hexen” und weitere 9% halten Hexerei für möglich. „In Süddeutschland gibt es sachverständigen Schätzungen zufolge kein Dorf ohne als Hexen verrufene Frauen“ (Schäfer, Der kriminelle Aberglaube in der Gegenwart, S. 36; Prokop, Medizinischer Okkultismus, 3. Aufl., S. 9).

Bezeichnung als Hexe schwerwiegende Rufbeeinträchtigung

Wie die Klägerin mit Recht ausführte, sei die Verdächtigung als „Hexe” deswegen auch für eine türkische Gastarbeiterin eine „schwerwiegende Rufbeeinträchtigung, die sie in den Augen ihrer abergläubischen engeren Umwelt allmählich zur Verfemten und Geächteten macht, ständiger Feindschaft und Verfolgung aussetzt und schließlich nicht selten schweren Misshandlungen oder gar Tötung zum Opfer fallen lässt, wenn nicht rechtzeitig und wirksam abschreckend gegen die Verleumdung vorgegangen wird.“

Wird einem Unschuldigen ein derart schwerer Vorwurf gemacht, so sei zum Schutz der Betroffenen notfalls eine nachhaltige Ahndung durch Strafgerichtsurteile notwendig. Eine Einstellung des von der verleumdeten „Hexe” angestrengten Privatklageverfahrens wegen Geringfügigkeit würde deshalb der Sachlage nicht gerecht. Nur in ganz besonders gelagerten Ausnahmesituationen, etwa wenn die der „Hexerei” Bezichtigte selbst die „schwarze Magie” ausübe, würde ein Bagatellfall vorliegen.

Der Beschluss des Amtsgerichts, das Verfahren wegen Geringfügigkeit einzustellen, war deswegen aufzuheben. Das Landgericht Mannheim hat die Akten dem Amtsgericht zur weiteren Verhandlung und Entscheidung zurückgegeben.

Fundstelle:
LG Mannheim, NJW 1979, 504.

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  • Bibi Blocksberg lässt grüßen …

  • wolfi

    Jetzt fehlt aber das Entscheidende:
    Wie ist die Sache danach ausgegangen?

  • Lexi

    Meine beste Freundin ist eine schamanistische Hexe. Das Wort ist genausowenig eine Beleidigung wie „Jude“, „schwul“ oder „gottlos“. Es könnte maximal eine falsche Tatsachenbehauptung sein.