Baby klaut Artikel für 65 Cent – Mutter erhält Strafbefehl

Strafbefehl
Foto: Unschuldiges Symbolbaby

In Neustadt bei Hannover kaufte eine junge Mutter mit ihrem sieben Monate alten Baby in einem Drogeriemarkt ein, in erster Linie Babynahrung und Haarpflege-Artikel. Nachdem sie ihren Einkauf bezahlt hatte, verließ sie den Kassenbereich und wurde von einem Mann angesprochen – dem Ladendetektiv. Er fragte sie, ob er einen Blick in den Kinderwagen werfen darf – die 21-jährige Frau willigte ein, sie dachte sie habe ja nichts zu verbergen.

Anschließend durchsuchte der Ladendetektiv den Kinderwagen und fand zunächst nichts, bis er den Fußsack des Babys öffnete: Darin entdeckte er eine unbezahlte Haarkur im Wert von 65 Cent in den Händen des Babys. Daraufhin musste die Mutter mit ihrem Kind und dem Detektiv zur Filialleiterin des Drogeriemarktes gehen und dort den Kinderwagen und ihre Tasche ausräumen. “Ich konnte es nicht glauben! Nur weil sich mein sieben Monate alter Sohn eine unbezahlte Haarkur im Wert von 65 Cent gekrallt hatte und ich es nicht bemerkt habe”, sagte die noch immer verärgerte Mutter nun gegenüber FOCUS. “Die Filialleiterin und der Ladendetektiv kannten damals keine Gnade. Sie erklärten mir, dass ich verpflichtet sei, vor Verlassen des Geschäftsbereiches meine sowie die Sachen meines Kindes auf unbezahlte Ware zu prüfen”. Anschließend wurde von der Frau eine “Bearbeitungsgebühr” für den Diebstahl in Höhe von 75 Euro gefordert und ein deutschlandweites Hausverbot verhängt. Damit fand sie sich ab, weil sie den Fall abschließen wollte.

Konnte sie aber nicht – 8 Monate später kam der Postbote und übergab ihr ein Einschreiben des Amtsgerichts Neustadt: Ein Strafbefehl. Sie soll wegen des Diebstahls eine Geldstrafe von 20 Tagessätzen je 10 Euro bezahlen, ersatzweise 20 Tage in Haft. Dazu kamen 70 Euro für das ersatzweise Verhängen der Freiheitsstrafe und 3,50 Euro für das Einschreiben, insgesamt wurden also 273,50 € von ihr gefordert. “Ich bin fassungslos, dass ich jetzt auch noch so eine Strafe bekommen habe. Leider kann ich nicht nachweisen, dass mein Sohn die Haarkur eingesteckt hat. Ich muss halt jetzt dafür haften”, sagte die 21-Jährige. Sie wird die Strafe akzeptieren und von nun an wohl in einen anderen Drogeriemarkt gehen.

Letztendlich wäre in diesem Fall die Beauftragung eines Rechtsanwaltes wohl doch nicht gerade unklug gewesen: Selbst wenn die Mutter die Haarkur für 65 Cent selbst gestohlen hätte, was angesichts der Tatsache, dass sie die anderen Waren alle bezahlt hat, eher fernliegend ist, wäre die Forderung einer “Bearbeitungsgebühr” durch den Drogeriemarkt in Höhe von 75 Euro das 115-fache des Kaufpreises und damit jedenfalls wohl unangemessen hoch. Das Amtsgericht Berlin-Spandau hat beispielsweise 2015 entschieden, dass bei dem Diebstahl einer Teewurst zu einem Kaufpreis von 1,99 Euro eine starre Bearbeitungsgebühr von 75 Euro unangemessen hoch ist, weil sie außer Verhältnis zu dem ersatzfähigen Schaden steht. Hinzu kommt, dass die Mutter Einspruch gegen den Strafbefehl hätte einlegen können. Dann hätte – entgegen ihrer Ansicht – ihr die Tat nachgewiesen werden müssen und nicht sie beweisen müssen, dass sie den Diebstahl nicht begangen hat. Soweit man davon ausgeht, dass die Haarkur tatsächlich in dem Fußsack in der Hand des Babys war, ist schon nicht erkennbar, wie ihr dadurch ein Diebstahl nachgewiesen werden kann. Einen “fahrlässigen Diebstahl”, weil sie vor Bezahlung an der Kasse nicht überprüft hat, ob ihr Baby eine unbezahlte Ware in der Hand hat, gibt es nicht.

Fundstelle:
focus.de vom 23.08.16

Verweise:
BGH zu Schadensersatzansprüchen gegen einen Ladendieb (Urteil vom 06.11.1979; VI ZR 254/77)
Urteil des Amtsgerichts Berlin-Spandau vom 28.12.2015 – 6C 444/15

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10 Kommentare zu Baby klaut Artikel für 65 Cent – Mutter erhält Strafbefehl

    • Genau, wer nichts von Recht versteht und nicht weiß, daß man Einspruch einlegen kann, hat’s doch nicht besser verdient!!!° Im Grunde müßte die Todesstrafe darauf stehen, wenn man sich in Rechtsangelegenheiten nicht auskennt!!!!!°

      Das mit dem Rechtsanwalt oder vielleicht der öffentlichen Rechtsauskunft ist tatsächlich der richtige Tip. Sie hingegen sind einfach nur unverschämt und suchen sich Gelegenheiten, auf Leute zu treten, die schon am Boden sind.

  1. Naja, ein 7 Monate altes Baby krallt sich eine Haarkur. Was für lange Arme hat das Baby wohl gehabt? Und dann versteckt es die Haarkur im Fußsack. Den der Detektiv erst öffnen musste. Da war aber ein sehr geschicktes Baby am Werk. Und von wegen, sie hat ja bezahlt, was einen Diebstahl unwahrscheinlich macht. Erinnern wir uns an diverse C-Promis, die auch mit Cent-Artikeln beim Klauen erwischt wurden, obwohl sie sicher genug Geld haben. Die Story ist schon seltsam.

    • Ich finde deine Einschätzung auch seltsam.
      Mit dem Kinderwagen fährt man üblicherweise auf stoß an Regalen vorbei, um die Gegenrichtung nicht zu blockieren. Die Gänge sind üblicherweise nicht sehr Breit.
      Babies halten alles, was ihnen in die Finger kommt. Da muss nur besagtes Haarkurtütchen ein bisschen weiter raus stehen.

    • Du hast keine Kinder oder? Wenn man nicht ununterbrochen aufpasst, krallen sich so kleine Kinder alles was sie kriegen können, und das ist in der Regel in Geschäften extrem viel, was erreichbar ist. Und die Haarkur wird nicht im Fusssack versteckt von dem Kind sonder es nimmt seine Arme wieder dahin wo sie herkamen: in den Fussack rein. Und wenn es die Haarkur loslässt wäre sie ohnehin genau dahin gefallen: In den Fusssack. Aus eigner Erfahrung sage ich dir: Das Kinder im Geschäft unbemerkt etwas einstecken ist eher die Regel als die Ausnahme.

    • Selbst wenn sie denn geklaut hätte, wieso dann nur eine Haarkur? Und wieso lässt sie die Durchsuchung dann noch zu?

      Und wie schon einige sagten, pass mal kurz auf ein Baby nicht auf und schau dir an, was sie in der Zwischenzeit anstellen.

    • Es ist wohl eher Wahrscheinlich, dass der Detektiv gesehen hat, dass das Baby etwas in der Hand hatte. Ihr wurde zur Last gelegt, den Kinderwagen nicht durchsucht zu haben, nicht, etwas in den Kinderwagen versteckt zu haben.
      Man muss schon bei den Fakten bleiben, und nicht mit irgendwelchen Geschichten Äpfel und Birnen vergleichen. Darüber hinaus gilt das dubbio pro reo. Sie ist unschuldig, bis ihr die Tat bewiesen wurde.
      Hier hat jeder nur einen Soll erfüllt auf Kosten einer Unschuldigen: der Detekitv, der einen Dieb geschnappt hat; der Staatsanwalt, der eine Verurteilung erreicht hat und zwar rechtskräftig, so dass die Akte zu ist… denn, wer seinen Soll nicht erfüllt wird entlassen.

  2. Welcher Poet war denn das? “… und von nun an wohl in einen anderen Drogeriemarkt gehen.”
    Da wird ihr wegen des deutschlandweiten Hausverbots wohl auch kaum was anderes übrig bleiben.

  3. Seltsame Geschichte. Wenn die Mutter nicht vorbestraft ist, wird das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt. Darüber hinaus ist der Ablauf auch etwas schwammig- der Detektiv scheint ja wohl das Baby klauen gesehen zu haben, und nicht die Mutter. Seine Argumentation geht ja dahin, dass sie Ihre Pflicht nicht nachgegangen sei, den Kinderwagen zu durchsuchen, nicht, dass sie den Diebstahl begangen hat. Der Tatsbestand des fahrlässig versuchten Diebstahls ist mir jetzt nicht bekannt xD
    Das Kind selbst ist nicht strafrechtlich zu belangen…
    Wofür ist dann der Strafbefehl? Es gibt ja augenscheinlich keinen versuchten Diebstahl.
    Ach – habe gerade gesehen, dass es im letzten Satz steht… also hat der Detektiv sie nicht klauen gesehen?! Und sie hat keinen Einspruch eingelegt? Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren nicht eingestellt??? Wenn das alles so stimmt, arbeiten die in Berlin recht unsauber. Der Frau scheint gar nicht bewusst zu sein, was das bedeutet. Sollte das Kind wieder einmal etwas einstecken, was im Bereich des Möglichen ist, sieht nun jeder Staatsanwalt/Richter diese Vorstrafe und wird sie vorab für eine Diebin halten. Wenn die nicht einmal in der Lage sind, einen Fall sauber strafrechtlich zu bearbeiten, springen sie erst recht auf den Zug der Vorverurteilung.

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