Mordfall Ulrich Schmücker – längster Strafprozess Deutschlands

Schmücker
Foto: Symbolbild

Seit fünf Jahren ist der NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe in aller Munde. Er begann im Mai 2013 vor dem OLG München und umfasst inzwischen 422 Verhandlungstage. Nach dem Abschluss der Beweisaufnahme laufen seit Juli 2017 die Plädoyers. Doch wer annimmt, dabei handle es sich um den längsten Strafprozess in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, irrt gewaltig.

Der bisher längste Strafprozess begann bereits 1976 und endete erst nach 591 Verhandlungstagen im Jahr 1991. Das Verfahren ist auch unter dem Namen „Schmücker-Prozess“ bekannt. In insgesamt vier Strafverfahren sollte der Mord an dem Student Ulrich Schmücker aufgeklärt werden, einem Terroristen und V-Mann des West-Berliner Verfassungsschutzes. Der Prozess gilt als Justizskandal, da das Verfahren vielfach manipuliert und am Ende eingestellt wurde.

Wer war Ulrich Schmücker?

Das Opfer Ulrich Schmücker wurde 1952 in Hagen geboren. Er studierte in Berlin und kam dort mit Mitgliedern der linksextremistischen Bewegung 2. Juni in Kontakt, denen er sich 1972 anschloss. Noch bevor er seinen ersten Bombenanschlag am türkischen Generalkonsulat begehen konnte, wurden er von der Polizei festgenommen. Nach fünf Wochen Haft legte er unter dem Druck des Verfassungsschutz-Oberamtsrats Michael Grünhagen (alias “Peter Rühl”)  ein Geständnis ab. Dieser setzte ihn später unter dem Decknamen „Kette“ als V-Mann in der linken Szene ein. Als die Mitglieder der Szene von seinem Geständnis hörten, wandten sie sich von Schmücker ab. Am 31. Mai 1974 teilte Schmücker Grünhagen mit, dass er bedroht werde und bat um eine Schusswaffe, was dieser jedoch ablehnte. Am 04. Juni 1974 wurde Schmücker in Begleitung zweier bis heute nicht identifizierter Männer im leerstehenden Hotel „Rheingold“ gesehen. Um 00.15 Uhr wurde er sterbend von einem US-Soldaten im Grunewald in West-Berlin aufgefunden. Er verstarb an einem Schuss in den Kopf. Nur wenige Stunden zuvor hatte der Berliner Verfassungsschutz eine Observation Schmückers aus bis heute ungeklärten Gründen abgebrochen.

Verschwundene Tatwaffe und andere Manipulationen

Die Tatwaffe, eine Parabellum, Kaliber 9 mm, wurde Michael Grünhagen später von einem Verbindungsmann übergeben. Die Waffe verschwand anschließend 15 Jahre lang in einem Tresor in einem Gebäude des Verfassungsschutzes. Wie sich später herausstellte, wurde Michael Grünhagen in die Ermittlungen einbezogen und manipulierte diese, indem er die Beteiligung des Verfassungsschutzes geheim hielt und den Tatverdacht auf andere Personen lenkte.

Gemeinsam mit dem Staatsanwalt Jürgen Przytarski wurden unter anderem Zeugen präpariert und Beschuldigte rechtswidrig zu Aussagen gezwungen. Der zunächst als Hauptzeuge vorgesehene V-Mann Götz Tilgener starb im Juli 1975 an einem akuten Stoffwechselzusammenbruch infolge fortgesetzten Nikotin-, Alkohol- und Medikamentenmissbrauchs.

Am 06. Juni 1974 erhielt die Frankfurter Rundschau ein Bekennerschreiben, demzufolge Schmücker von einem Tribunal der Bewegung 2. Juni wegen seines Geständnisses zum Tode verurteilt worden sei. Wegen Schmückers Kontakten zur Kommune Bäckergasse in Wolfsburg-Heßlingen gerieten deren Angehörige – unter ihnen die 37-jährigen Ilse Schwipper – schnell in den Verdacht. Mehrere Personen wurden daraufhin festgenommen. Im September 1974 legte der damals 21-Jährige Jürgen Bodeux gegenüber Staatsanwalt Jürgen Przytarski ein Geständnis ab und wurde zum Kronzeugen im kommenden Prozess vor dem Berliner Landgericht.

Strafprozess Nr. 1- Nr. 4

Am 6. Februar 1976 begann der Prozess wegen des Mordes an Ulrich Schmücker. Jürgen Bodeux behauptete, die Tatwaffe besorgt zu haben. Die Hauptangeklagten Ilse Schwipper habe abgedrückt. Sie wurde im Juni 1976 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Jürgen Bodeux erhielt als Kronzeuge eine Jugendstrafe von fünf Jahren. Der für die Revision zuständige Bundesgerichtshof hob das Urteil 1977 auf.

Der zweite Prozess dauerte 109 Verhandlungstage. Das Urteil im Juli 1979 war fast identisch mit dem Urteil des ersten Prozesses. Im Oktober 1980 hob der Bundesgerichtshof auch dieses Urteil auf. Im selben Jahr wurde Michael Grünhagen als Beamter des Verfassungsschutzes enttarnt.

Der dritte Prozess dauerte von Mai 1981 bis Juni 1986. Die Mitglieder der Wolfsburger Kommune wurden erneut wegen gemeinschaftlichen Mordes verurteilt, obwohl inzwischen klar war, dass der Verfassungsschutz seine Finger im Spiel hatte. Erneut hob der Bundesgerichtshof im März 1989 das Urteil auf.

Mord an Ulrich Schmücker nie aufgeklärt

1988 wurde bekannt, dass der Verfassungsschutz jahrelang den Verteidiger Philipp Heinisch ausspioniert hatte, indem man einen Mitarbeiter in dessen Kanzlei eingeschleust hatte. Im Mai 1989 tauchte die Tatwaffe in einem Tresor des Verfassungsschutzes auf. Der vierte Prozess begann im April 1990. Am 28. Januar 1991 wurde das Verfahren nach 54 Verhandlungstagen eingestellt. Nach Überzeugung des Gerichtes war der Verfassungsschutz erheblich mitschuldig am Tod Ulrich Schmückers. Der Mord, der sechzehneinhalb Jahre zurückliegt, sei nicht mehr aufzuklären. Das Verfahren wurde endgültig eingestellt. Die zunächst Verurteilten erhielten eine Haftentschädigung.

Wer Ulrich Schmücker getötet hat und ob der Täter aus den Reihen von Linksradikalen oder dem Verfassungsschutz stammte, konnte bis heute nicht geklärt werden.

Fundstellen:
youtube.com (Film)
zeit.de (1991)

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